Oehl Interviews

  • 18.01.2020
Kurzinterview mitOehl
Artikel teilen:
Oehl - News
Klicken für Großansicht

Ari Oehl und Hjörtur Hjörleifsson liefern auf ihrem Debüt tanzbare Rhythmen, gepaart mit nordischer Melancholie.

CDstarts.de: Wer war in eurer Kindheit euer Vorbild/Idol und warum?

Hjörtur Hjörleifsson: In meiner Kindheit hat es nie an Vorbildern gemangelt, ich komme nämlich aus einer isländischen Großfamilie, die mehr oder weniger aus KünstlerInnen besteht. „Schwarze Schafe“ gibt es aber auch; ein Cousin ist Anwalt - aber so einen sollte jede Familie haben.

CDstarts.de: Wie und wo kommen euch Ideen für neue Songs in den Sinn?

Hjörtur Hjörleifsson: Ari schreibt die Songs meistens frühmorgens, es bleibt aber selten etwas, wie es am Anfang war und überarbeitet wird sowieso alles mehrfach, wie der Song „Tausend Formen”, von welchem es gefühlt schon tausend Versionen gegeben hat.

CDstarts.de: Sicherlich gibt es Musiker, die euch beeinflusst haben. Wir wollen natürlich wissen wer und warum?

Hjörtur Hjörleifsson: Wenn man uns fragt, zählen wir natürlich gerne obskure Bands aus den Sechzigern auf, psychedelischen Post-Rock und Avantgarde-Synth-Wave-Pop. Unter uns müssen wir aber zugeben, dass wir alte Folkies und Kuschelrocker sind, die frühen Travis- und Coldplay-Alben sind nach wie vor Teil des Fundaments von Oehl.

CDstarts.de: Ihr habt die freie Auswahl: Mit welchem Musiker oder Produzenten würdet ihr gerne ein Album aufnehmen? Begründet eure Wahl.

Hjörtur Hjörleifsson: Mit dieser Frage waren wir auch am Anfang konfrontiert, ich hatte dem Ari die Musik von Leyya gezeigt, als wir auf der Suche nach schön produzierten Beats waren. Zwei Tage später war er schon mit Marco Kleebauer im Kontakt und als wir anfingen zusammen zu arbeiten, fügten sich unsere Visionen perfekt zusammen. Bis heute sind wir froh, ihn erwischt zu haben - vor Bilderbuch.

CDstarts.de: CD, Vinyl, Tape oder digital – wie organisiert ihr eure (Sammel-)Leidenschaft für Musik?

Hjörtur Hjörleifsson: Wir haben letztens darüber gesprochen, dass wir zu der Generation gehören, die alles durchgemacht hat: das Ende vom Kassetten-Boom bekam man am Rücksitz des Autos der Eltern mit, als Teenager habe ich meinen Crushes-Folk und Indie-Pop-Mixes auf meinem geschätzten iPod zusammengestellt und diese auf CDs gebrannt. Ein paar Jahre später saßen wir im Wohnzimmer der Studenten-WG, um den Plattenspieler rum und hörten „Blonde On Blonde“ (von Bob Dylan – die Red.) oder „Graceland“ (von Paul Simon – die Red.) auf Vinyl, immer wieder aufstehend, um die Seite zu wechseln oder um ein Dosenbier aus dem Kühlschrank zu holen. Parallel dazu hat uns YouTube und später Spotify zu Unmengen an Musik verholfen, was zwar nicht so romantisch klingt, aber eine entscheidende Sache war für uns als Musikliebhaber.

CDstarts.de: Welches („fremde“) Album aus eurer Sammlung würdet ihr unseren Lesern empfehlen und warum?

Hjörtur Hjörleifsson: Bei solchen Fragen werde ich immer dazu verleitet, Platten von FreundInnen zu empfehlen und das werde ich auch gleich hier machen, denn das Album „Idle Hands” von Ian Fisher ist zu gut, um es zu ignorieren - sein Americana-Sound ist mindestens genauso cremig, wie seine 70er Vorbilder, seine Stimme und Texte aber scharf und immer komplett seine eigene.

CDstarts.de: Mal was ganz anderes: Beschreibt unseren Lesern, wie euer perfekter Urlaub aussieht. Habt ihr Tipps und Empfehlungen?

Hjörtur Hjörleifsson: Ich glaube, unsere Urlaubsvorstellungen gehen sehr weit auseinander, Ari zieht es in den Norden, auf einem Kreuzfahrtschiff am besten. Wenn ich nicht gerade meine Familie besuche, fahre ich gerne in den Süden, mal mit dem Zug und, wenn’s nicht weitergeht, per Anhalter - wer schon mal in Island gecampt hat, ist für ziemlich alles bereit.

CDstarts.de: Welcher Song des „Über Nacht“-Albums war in der Entstehung bzw. bei den Aufnahmen der härteste Brocken und warum?

Hjörtur Hjörleifsson: „Wolken” hat sich als eine große Herausforderung entpuppt. Oft sind es die, von außen betrachtet, einfachsten Lieder, die schwierig sind in der Produktion. Der Grad zwischen zu viel und zu wenig ist da am schmalsten. Glücklicherweise hatten wir die Idee, den René Müllberge von Pressyes an Bord zu holen, der den Song durch kleine, aber wesentliche Veränderungen aufgefrischt hat.

CDstarts.de: Mit Blick auf das „Über Nacht“-Album: Wie wichtig sind für euch im digitalen Zeitalter noch Dinge wie Cover-Artwork und Booklet-Gestaltung?

Hjörtur Hjörleifsson: Sehr wichtig, wir legen beide sehr viel Wert darauf, dass hinter jedem Aspekt eine Idee liegt. Wir sind auch in der glücklichen Lage, mit Menschen arbeiten zu dürfen, die ästhetisch mindestens genauso obsessiv sind wie wir: Studio Es und der Photograph Tim Cavadini haben in dem Bereich Großartiges geleistet.

CDstarts.de: Welche Rolle spielen für euch die Texte des „Über Nacht“-Albums? Wollt ihr „echte“ Inhalte vermitteln oder sollen die Worte nur gut zur Musik passen?

Hjörtur Hjörleifsson: Ich finde es persönlich komplett in Ordnung, wenn die Texte nur gut passen, wie zum Beispiel beim dritten Album „()” von Sigur Rós, das komplett in einer Lautsprache gesungen ist. Bei uns sind die Texte aber essenziell, um die Musik funktionieren zu lassen. Bei „Wolken” oder „Über Nacht” geht es grundsätzlich um Verlust und Trauer, die Musik schafft aber in ihrer Leichtigkeit einen Raum, in dem man auch über schwere Themen reden kann.

CDstarts.de: Wart ihr bei den Aufnahmen penible Kontroll-Freaks, die solange alles wiederholen, bis es perfekt ist oder habt ihr einfach spontan den Moment einfangen wollen?

Hjörtur Hjörleifsson: Bei uns trifft eher Ersteres zu. Ein gewisses Maß an Perfektionismus und dementsprechend auch Geduld ist auf jeden Fall notwendig gewesen bei den Aufnahmen von „Über Nacht” - jedoch ist sehr viel Spontanes dabei: ob ein Gebelle im Hintergrund oder eine Handy-Aufnahme von einem Gitarrenpart, die einfach bleiben durfte - es gibt keine Formel dafür, was gut ist und was nicht, es gibt sowohl Dinge, die Zeit brauchen als auch welche, die innerhalb von ein paar Sekunden entstehen.

CDstarts.de: Feuer frei! Was müssen unsere Leser unbedingt noch über euer Album wissen?

Hjörtur Hjörleifsson: Es klingt gut untertags, aber noch besser über Nacht.

CDstarts.de: Zum Schluss möchten wir noch wissen, was ihr als euren bisherigen Karrierehöhepunkt bezeichnen würdet und warum?

Hjörtur Hjörleifsson: Den Übergang von als Vorband vor Tausenden zu spielen, zu einem kleinen Jazzclub am nächsten Tag, fand ich sehr schön, egal wo, die Musik live zu performen und zu erleben, wie es Menschen bewegt ist für mich einer der Hauptgründe Musik zu machen.

Bearbeitet von für CDstarts.de
Photo-Credit: Tim Cavadini

comments powered by Disqus
Weitere Artikel