In Extremo Interviews

  • 09.05.2020
Kurzinterview mitIn Extremo
Artikel teilen:
In Extremo - News
Klicken für Großansicht

Dr. Pymonte klärt auf über deutschsprachige Pulloverbands und warum es zu Hause am schönsten ist.

CDstarts.de: Wer war in eurer Kindheit euer Vorbild/Idol und warum?

Dr. Pymonte: Bei mir waren es die vielen Folkbands, vor allem handgemachte Musik von Gerhard Schöne und vor allem Reinhard Lakomys „Traumzauberbaum“ und „Mimmelitt, das Stadtkaninchen“ haben mich als DDR-Ossi-Kind mit auf die Reise genommen. Das sind übrigens heute noch herrlich zeitlose Werke mit einem sehr hohen pädagogischen Wert. Etwas vergleichbares ist heutzutage leider schwer zu finden und zuletzt mit Peter Maffays „Tabaluga“ entstanden.

CDstarts.de: Wie und wo kommen euch Ideen für neue Songs in den Sinn?

Dr. Pymonte: Die Entstehung unserer Songs gestaltet sich bei uns überwiegend auf dreierlei Ebenen: Songkonstrukte bereitet zu einem großen Teil Basti (Gitarrist Sebastian Oliver Lange – die Red.) bei uns vor. Das heißt, es liegen dergestalt dann oft schon komplette Liedfragmente mit eingesummten Gesangslinien vor, die dann von Specki (Schlagzeuger Florian Speckardt – die Red.) rhythmisch geformt werden. Boris (Marktsackpfeifer Boris Pfeiffer – die Red.) und Marco (Marktsackpfeifer Marco Zorzytzky – die Red.) bringen im Vorfeld immer sehr viele Traditionals schon eingespielt und vorgefertigt mit. bei den Texten leisten Kay (Bassist Kay Lutter – die Red.) und ich überwiegend die Vorarbeit, sofern es sich um deutschsprachige Lyrics aus der eigenen Feder handelt. Das alles kommt dann ins große Mahlwerk und Micha (Sänger Michael Rhein - die Red.) dreht die Kurbel. Nein, Spaß beiseite, dergestalt vorbereitet rücken wir dann im Studio an und formen das in mehreren Etappen dort zu einem Album.

CDstarts.de: Sicherlich gibt es Musiker, die euch beeinflusst haben. Wir wollen natürlich wissen wer und warum?

Dr. Pymonte: Man hat abgeguckt, inhaltlich hier und da geklaut, von dem, was einem gefallen hat und in der Konstruktion der Dinge dann sorgsam achtgegeben, dass man dabei nicht erwischt wird, hahaha. Aber mal ernsthaft, ich denke, dass jedwede Musik, die heute auf den Markt kommt, grundlegend durch Inspiration entstanden ist. Der eigene Einfluss ist es dann, der sie vielfältig macht!

CDstarts.de: Ihr habt die freie Auswahl: Mit welchem Musiker oder Produzenten würdet ihr gerne ein Album aufnehmen? Begründer eure Wahl.

Dr. Pymonte: Bei mir (ich kann ja nur für mich sprechen) wäre dies Mike Oldfield, künstlerisch gesehen ein absolut stolzer Freigeist, denn er hat sich stets einen feuchten Scheißdreck um das kommerziell konservativ vorherrschende Songkonstrukt „Strophe - Bridge - Refrain - 3 Minuten 30 Singlesong“ geschert. Auch inhaltlich total vielfältig. Von Klassik über Rock bis hin zu Ethno. So etwas gefällt mir total gut. Tool haben da stellenweise einen ganz ähnlichen Weg, wobei mir bei denen dieser viele Ami-Aggro E-Gitarrenlärm echt auf‘n Sack geht. Aber unterm Strich ringen sie mir mit dem Mut zu ihrem eigenen Weg ohne proklamierten Bezug zu einem eigenen Genre echt Respekt ab. So etwas bewundere ich hundertmal mehr, als diese zielgruppenorientierten Brunnenochsen, sprich: Mugge im Label- und Produzentenjoch, wie z.B. diese abertausenden deutschsprachigen Pulloverbands, die in jedem zweiten Song von der Liebe singen oder mit Feuerwerken durch Himmel und Sterne tanzen.

CDstarts.de: CD, Vinyl, Tape oder digital – wie organisiert ihr eure (Sammel-)Leidenschaft für Musik?

Dr. Pymonte: Bei mir findet das rein digital in allerhöchster mp3-Qualität statt. Eher weil ich kein Freund von vollgestellten Regalen und Schränken bin. Seine Lieblingsmusik transportabel, kompakt, frei von Plastikmüll in seiner Sammlung immer vollständig dabei zu haben, ist schon ne geile Sache. Da ich mich andererseits nicht von den herrlichen Vinylschallplatten meiner Kindheit und Jugend trennen kann, habe ich mir tatsächlich auch wieder einen Plattenspieler zugelegt, auf dem ich diese ganzen „Schätze“ für die Ewigkeit digitalisiert und archiviert habe. Außerdem hat es etwas Nostalgisches, auf der Hälfte ein Album „umdrehen zu müssen“. Und man pennt nicht ein. Hach, als ob die Zeit stehengeblieben wäre (*seuftz*). Viele der heutigen Produktionen finden ja auch wieder in limitierten Auflagen als Vinyl statt. CDs besitze ich so gut wie gar nicht mehr. Wichtige Dinge werden zu mp3s gemacht und die CD danach meist verschenkt. Die Dinger haben für mich etwas Unsympathisches.

CDstarts.de: Welches („fremde“) Album aus eurer Sammlung würdet ihr unseren Lesern empfehlen und warum?

Dr. Pymonte: Von Axel Prahl „Blick aufs Mehr“, weil die Musik handwerklich klasse ist und die Lieder saugute Texte haben.

CDstarts.de: Mal was ganz anderes: Beschreibt unseren Lesern, wie euer perfekter Urlaub aussieht. Habt ihr Tipps und Empfehlungen?

Dr. Pymonte: Eventuell mal unter Tage „die Asse“ besichtigen und staunen. zu welch' hochentwickeltem Fortschritt Politik und Gesellschaft so fähig sind..?! Keine Ahnung, davon hat (selbst in unserer Band) jeder seine eigene Vision. Einige von uns verreisen gerne auf andere Kontinente. Unser Micha tankt überwiegend in seinem Domizil in einem kleinen kroatischen Fischerdorf seine Batterien wieder auf und andere sind im Wohncamper oder auf dem Motorrad unterwegs. Meine freie Zeit verreise ich fast nie, da wir mit der Band schon zu genüge über allen möglichen Ozeanen und Kontinenten in Flugzeugen hocken. Außerdem lebe ich auf der Insel Rügen recht abgelegen und bodenständig, habe als Jäger viel in der Natur und in den Wäldern der Insel zu tun und die verbleibende Zeit segele ich dann noch Schiffe (überwiegend) durch die Ostsee. Für mich ist es zu Hause am schönsten, denn Heimat ist ja bekanntlich immer dort, wo Erinnerung sich auskennt. Aber so etwas ist wie gesagt ganz einfach Geschmackssache und damit hält es jeder nach eigenem Gutdünken.

CDstarts.de: Welcher Song eures neuen Albums „Kompass zur Sonne“ war in der Entstehung bzw. bei den Aufnahmen der härteste Brocken und warum?

Dr. Pymonte: Bei einer Band mit sieben Leuten zzgl. noch zwei Produzenten ist jeder Song ein harter Brocken, weil da dann neunmal Herzblut, endlose Diskussionen, bis hin zu Zank und Streit innewohnen. Das hat ja auch durchaus etwas Positives, denn zu jedwedem kreativen Prozess gehört auch naturgemäß immer eine gesunde Streitkultur. Die große Kunst dabei ist dann zu sagen: „Leckt mich am Arsch und macht doch was ihr wollt!“ - oder mit anderen Worten die eigenen Interessen zurück zu nehmen. Gleiches gilt natürlich auch für die Arbeit am Textmaterial.

CDstarts.de: Mit Blick auf euer neues Album „Kompass zur Sonne“: Wie wichtig sind für euch im digitalen Zeitalter noch Dinge wie Cover-Artwork und Booklet-Gestaltung?

Dr. Pymonte: Auch das ist in einer Band mit sieben Leuten nicht gerade einfach und differiert zuweilen extrem, zumal individueller Geschmack und Sichtweisen jedem eine eigene Form von Ästhetik definieren. Einige von uns finden jeden Scheiß gut, den sie vorgesetzt bekommen, andere wiederum bemängeln dann jedes Pinörzelchen in Bild und Grafik. Ich sag es mal so: Beides hat Berechtigung und tut einem finalen Konsens irgendwie gut, aber unterm Strich steht und fällt das alles auch mit dem jeweiligen Fotografen bzw. der Grafikbude, die da für einen mehr oder auch manchmal weniger arbeitet.

CDstarts.de: Welche Rolle spielen für euch die Texte des „Kompass zur Sonne“-Albums? Wollt ihr echte Inhalte vermitteln oder sollen die Worte nur gut zur Musik passen?

Dr. Pymonte: Antwort siehe Frage weiter oben.

CDstarts.de: Wart ihr bei den Aufnahmen zu „Kompass zur Sonne“ penible Kontroll-Freaks, die solange alles wiederholen, bis es perfekt ist oder habt ihr einfach spontan den Moment einfangen wollen?

Dr. Pymonte: Bei einer digitalen Produktion braucht man heutzutage grundsätzlich nicht mehr auf Zufälle zu warten, denn alle Sequenzer-Programme auf dem Markt sind derartig hochentwickelt, dass fast nahezu jede gewünschte Aufnahme digital erzeugbar ist. Das macht das Arbeiten für einen Musiker sehr einfach, übersichtlich und glatt. Es ersetzt quasi digital Penibelitäten. Doch zugegebenermaßen ist dabei die handwerkliche Fähigkeit eines Musikers nicht mehr so gefordert und lässt gerade abertausende Schreibtischmusikanten wie Pilze aus dem Boden schießen. Beispiele dafür gibt es ja jüngst zu Hauf im Mainstream. Eine andere Geschichte in einer Produktion ist dann immer der Endmix. Auch da funktionieren wir als Band recht unterschiedlich. Einige von uns (dazu zähle auch ich) halten sich dazu komplett raus. unser Basti ist in dem Thema sehr engagiert, aber auch versiert. aus Erzählungen weiß ich, dass auch bei dem Thema viele Worte den Besitzer wechseln, bis so etwas wie eine finale Approbation vorliegt, was unterm Strich dann der ganzen Band auch irgendwo zugutekommt. Einen Produzenten kannste damit nicht alleine lassen, sonst klingen alle Mandanten gleich.

CDstarts.de: Feuer frei! Was müssen unsere Leser unbedingt noch über euer neues Album wissen?

Dr. Pymonte: Dass wir mit „Kompass zur Sonne“ das beste Album aller Zeiten gemacht haben, das nicht zu haben ein No-Go ist und ihr es deswegen alle unbedingt kaufen müsst!

CDstarts.de: Zum Schluss möchten wir noch wissen, was ihr als euren bisherigen Karrierehöhepunkt bezeichnen würdet und warum?

Dr. Pymonte: Unser Karrierehöhepunkt ist noch lange nicht erreicht, denke ich. Es wird aber soweit sein, wenn wir alle den Corona-Scheiß heil überstanden haben und im Andamanen Archipel auf North Sentinel Island ein Konzert am „Human BBQ“ geben, uns hinterher ordentlich besaufen und dann für immer dableiben werden.

Bearbeitet von für CDstarts.de
Photo-Credit: Jens Koch

comments powered by Disqus
Weitere Artikel