Jon Flemming Olsen Interviews

  • 07.10.2020
Kurzinterview mitJon Flemming Olsen
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Jon Flemming Olsen - News
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Mit persönlichem Ritterschlag von Liedermacher-Ikone Reinhard Mey.

CDstarts.de: Wer war in deiner Kindheit dein Vorbild/Idol und warum?

Jon Flemming Olsen: Die Idole meiner Kindheit waren (in dieser Reihenfolge): The Sweet, Udo Lindenberg und die Beatles – letztere sind es bis heute geblieben. The Sweet trugen irre Glitzer- und Lederklamotten, die Musik war irgendwie wild und aufregend. Andy Scott hat mir einflüstert, dass ich unbedingt E-Gitarre lernen muss. Mein allererstes Konzerterlebnis fand 1975 statt: Meine beste Freundin Norma nahm mich mit zu Udo Lindenberg, von dem ich damals schon ein paar Songs kannte. Wir saßen in Reihe 2, Platz neun und zehn – und danach war die Welt eine andere. Das war ganz klar das, was ich auch wollte. Auf einer Bühne stehen und laute Musik machen. Die Beatles entdeckte ich dann kurze Zeit später im Plattenschrank meiner Eltern. „Revolver“ ist bis heute mein Lieblingsalbum und wird es wohl auch bis zu meinem Tod bleiben.

CDstarts.de: Wie und wo kommen dir Ideen für neue Songs in den Sinn?

Jon Flemming Olsen: Wo, wann und wie das genau passiert, kann ich gar nicht so recht sagen. Ich empfinde diesen Vorgang als durchaus mystisch und mysteriös: Wo kommen überhaupt Ideen her? Man weiß es nicht. Rein technisch gesehen schreibe ich grundsätzlich auf Reisen, die ich ganz allein, ohne Internet und sonstige Kommunikation nur zu diesem Zweck unternehme. Wenn es keine Ablenkungen und keine anderen Aufgaben mehr gibt, und ich von morgens bis abends auf meinen Gitarren herumklimpere, kommen allmählich kleine Fragmente zusammen – Worte, Sätze, Bilder, Melodien.

CDstarts.de: Sicherlich gibt es Musiker, die dich beeinflusst haben. Wir wollen natürlich wissen wer und warum?

Jon Flemming Olsen: Das sind natürlich unendlich viele – und sehr unterschiedliche. Die Frage nach dem „Warum” zu beantworten, würde daher wahrscheinlich zu weit führen. Die vermutlich wichtigsten wären: The Sweet, Udo Lindenberg, The Beatles, Reinhard Mey, Hank The Knife & The Jets, Fleetwood Mac, Genesis, Supertramp, Gordon Lightfoot, Nina Hagen, Deep Purple, Rory Gallagher, David Bowie, Graham Parker, Elvis Costello, The Clash, Paul Weller, Marvin Gaye, Johnny Guitar Watson, James Taylor, Crowded House, Del Amitri, Johnny Cash, Niels Frevert.

CDstarts.de: Du hast die freie Auswahl: Mit welchem Musiker oder Produzenten würdest du gerne ein Album aufnehmen? Begründe deine Wahl.

Jon Flemming Olsen: Produzent: T-Bone Burnett oder Buddy Miller. Beide setzen auf analoges Vintage-Equipment und bindungsloses Live-Einspielen. Der Sound ist dick und warm. The good Side of Nashville. Musiker: Da muss ich gar nicht so weit fahren – mit meinen guten Freunden Ulle Rode und Anne de Wolff hat sich lustigerweise bis jetzt noch keine Album-Produktion ergeben. Aber das kann ja noch werden. Anne und Ulle sind tolle Musiker, die gemeinsam ein ganzes Füllhorn an Instrumenten bedienen können. Und wir sind in sehr ähnlichen Song- und Klangwelten zu Hause. Anne hat auch bei einem der neuen Album-Songs das Streicherarrangement geschrieben.

CDstarts.de: CD, Vinyl, Tape oder digital – wie organisierst du deine (Sammel-)Leidenschaft für Musik?

Jon Flemming Olsen: Alles außer Tape.

CDstarts.de: Welches („fremde“) Album aus deiner Sammlung würdest du unseren Lesern empfehlen und warum?

Jon Flemming Olsen: Bei den deutschsprachigen Kollegen fällt mir zuerst Niels Freverts ein. Jedes seines Alben ist pures Gold. Wenn ich nur eines nennen darf, entscheide ich mich für „Paradies der gefälschten Dinge”. Jeder Songschreiber, dem ein einziges Mal im Leben auch nur ein ebenbürtiges Lied gelingt, darf sich glücklich schätzen.

CDstarts.de: Mal was ganz anderes: Beschreibe unseren Lesern, wie dein perfekter Urlaub aussieht. Hast du Tipps und Empfehlungen?

Jon Flemming Olsen: Wandern. Schwimmen. Tauchen. Lesen. Gutes Essen, guter Wein. Sonne. Luft. Licht. Meer. Wilde Landschaft. Jetzt muss jeder selbst herausfinden, wo es das alles gibt …

CDstarts.de: Welcher Song deines neuen Albums „Mann auf dem Seil“ war in der Entstehung bzw. bei den Aufnahmen der härteste Brocken und warum?

Jon Flemming Olsen: „Wenn Du wiederkommst”. Das Lied ist für die Gitarre in den Strophen und der Bridge sehr filigran und fragil. Zusätzlich ist die Geschichte extrem emotional. Dieses Gefühl musste natürlich in die Aufnahme eingehen – und durfte mich gleichzeitig aber auch nicht übermannen und behindern. Und weil wir das Album live vor Publikum aufgenommen haben, hatten wir auch nur einen einzigen Schuss. Das war mein persönliches Drahtseil – und Gott sei Dank ist der Song toll gelungen.

CDstarts.de: Mit Blick auf dein neues Album: Wie wichtig sind für dich im digitalen Zeitalter noch Dinge wie Cover-Artwork und Booklet-Gestaltung?

Jon Flemming Olsen: Da ich ja selbst auch seit 30 Jahren quasi im Nebenberuf Grafiker bin und etliche Alben für andere Künstler und Bands gestaltet habe – nach wie vor sehr wichtig. Ich kann und will davon nicht lassen, wenngleich die optische Gestaltung von Musikprodukten höchstwahrscheinlich eine sterbende Kunst ist.

CDstarts.de: Welche Rolle spielen für dich die Texte des „Mann auf dem Seil“-Albums? Willst du echte Inhalte vermitteln oder sollen die Worte nur gut zur Musik passen?

Jon Flemming Olsen: Ich verstehe mich selbst als Singer/Songwriter – auf Deutsch also Liedermacher. Deshalb sind Texte immer mindestens das halbe Lied. Es geht mir immer um etwas, also ja, auch die Vermittlung von Inhalten.

CDstarts.de: Warst du bei den Aufnahmen zu „Mann auf dem Seil“ ein penibler Kontroll-Freak, der solange alles wiederholt, bis es perfekt ist oder hast du einfach spontan den Moment einfangen wollen?

Jon Flemming Olsen: Wie gesagt, wir konnten in dieser speziellen Aufnahme-Situation gar nicht viel wiederholen. Zwei Songs haben wir vor Publikum nochmal gespielt, weil sie beim ersten Anlauf noch nicht so recht wollten. Und drei Lieder haben wir zusätzlich schon beim Soundcheck mitgeschnitten, so dass wir da ein bisschen Material hatten, mit dem wir kleine Fehler ausbessern konnten.

CDstarts.de: Feuer frei! Was müssen unsere Leser unbedingt noch über das „Mann auf dem Seil“-Album wissen?

Jon Flemming Olsen: Ich glaube, dass dies mein bisher bestes Songwriting ist. Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, wie die Idee, das Album mit einem Streichquartett einzuspielen, aufgegangen ist. Viele der Lieder sind sehr emotional und balladesk, aber einige – gar nicht so wenige – sind auch euphorisch, lustig und energiegeladen.

CDstarts.de: Zum Schluss möchten wir noch wissen, was du als deinen bisherigen Karrierehöhepunkt bezeichnen würdest und warum?

Jon Flemming Olsen: Als ich mein voriges Album „Von Ganz Allein” fertig hatte, schickte ich Reinhard Mey eine CD. Wir hatten uns ein paar Monate vorher bei der Produktion einer unserer „Dittsche”-Folgen kennengelernt und waren uns gleich sympathisch. Viele Wochen später bekam ich eine Mail von einem mir unbekannten Absender. Der Schreiber entschuldigte sich dafür, so lang nichts von sich hören gelassen zu haben. Er schrieb, dass es bei ihm zuhause kein vernünftiges CD-Abspielsystem mehr gäbe, aber er nun, bei einer längeren Autofahrt die ganze CD durchgehört habe. Und weiter: „Jetzt sitze ich manchmal einfach still in der Garage im Auto und höre Dir zu. Ich wünschte, es gäbe noch Radiostationen, die so etwas spielen.” Erst jetzt, am Ende dieser Mail, las ich den Namen des Absenders und begriff, dass diese Zeilen von Reinhard waren. Ich musste mich setzen. Dies war mein persönlicher Ritterschlag.

Bearbeitet von für CDstarts.de
Photo-Credit: Anne de Wolff

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