6. Lausch Lounge, 09.02.2005, Sommersalon, Hamburg

  • 09.02.2005
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6. Lausch Lounge, 09.02.2005, Sommersalon, Hamburg - News
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Die Lausch Lounge hatte Geburtstag.

Sommersalon, Hamburg/St. Pauli, 09.02.2005

Die Lausch Lounge hatte Geburtstag

Noch sah er so aus, wie man ihn kennt: gemütlich, leicht verrucht, kultig. Vor dem Sommersalon drängten sich schon die Musikliebhaber, der kleine Club war restlos ausverkauft. Wer nicht auf der Gästeliste stand, schlitzohrigerweise vorher reserviert hatte oder gar selbst auftrat, blieb draußen.

Pünktlich um 21:00 h eröffnete Michy Reincke die Lausch Lounge auf seine herzerfrischende, humorvolle Art und verzauberte das Publikum schon vor Beginn mit kleinen Anekdoten aus seinem Mexiko-Urlaub, mit dem er sein neues Jahr eingeläutet hatte. Und wer gut lauschte, der lachte auch viel. Michy stellte Hasko Witte vor, den Inhaber von .bkw, einer Hamburger Promo-Agentur, der fast genau vor einem Jahr zusammen mit Künstlern wie Michy die Lausch Lounge ins Leben gerufen hat. Die Initiatoren haben einen Orden verdient, auch werden sie das wahrscheinlich nicht gern hören, weil sie viel zu sehr mit Herz und Leidenschaft dabei sind. Hintergrund dieser Veranstaltung ist, dass dem Publikum Hamburger Künstler schmackhaft gemacht und vorgestellt werden, die bisher noch nicht kommerziell in Erscheinung getreten sind bzw. neue (noch unbekannte) Projekte am Laufen haben. Die Lausch-Sprache ist Deutsch. Es wird getuschelt, dass die Warteliste bereits Bands für mehr als ein weiteres Jahr Lausch Lounge zu bieten hat, die Agentur .bkw von Hamburger Artisten "überrannt" wird. Alles Gute zum Geburtstag!

Der Opener war die experimentierfreudige Zündstoff-Combo La Vache Frontale um die Sängerin Uli von Welt, die mit Nummern wie "Regen", "Horoskop", "Bitter", "Versetzt" und "Hochzeitsnacht" oder gar einem Song über das "0190"-Gestöhne und andere weltbewegende Dinge, größtenteils lecker sarkastisch verpackt, überzeugte, mit jeder Nummer mehr und mehr mit diesen verschmolz. Die Stimme von Uli hat einfach Klasse und geht herrlich rau und sicher im Ton unter die Haut. Bassistin Maja und Drummer Martin heizten nicht weniger ein und rundeten dieses Projekt ab: Musikvitamine pur sang. Die Frontal-Kuh wird sicherlich noch viel Staub in den Ställen aufwirbeln und den Weg zu den Sternen machen. Deutschland rockt wieder! Auf der Page von La Vache Frontale finden sich derzeit drei Nummern, die man via Real Player genießen kann. Ein absolutes Muss, da es momentan noch keine CD gibt. Uli vermeldete heute noch, dass ihr Sound - wenn nicht unplugged - wesentlich dreckiger rüberkommen würde, gemischt mit Elektro-Sounds, was sich auf den MP3s voll bestätigt. La Vache Frontale werden im März wieder ins Studio gehen, suchen derzeit noch eine Booking-Agentur und hoffen, dieses Jahr wieder eine Tour machen zu können.

Der Band machte der Abend Lausch Lounge sichtbar nicht minder Spaß als dem Publikum. Als Zugabe schenkten La Vache Frontale uns noch "Entscheidung". Ich glaube, die ist gerade gefallen: die Tour muss man mitmachen, die CD, die sicherlich nicht auf sich warten lassen wird, muss man kaufen. Mit etwas Pabst in der Hosentasche ist die 2001er Veröffentlichung mit 4 Titeln auf dem Sampler "Die Fiesen Diven - Faster Tussicat! Kill! Kill! - Pussy Empire Recordings bei ebay oder Amazon noch zu erhaschen ... Uli erzählte auch noch, dass bereits fleißig an neuem Material gearbeitet wird.

Der zweite Kandidat war eine Drei-Mann-Combo namens Pohlmann, bestehend aus 1/3 Ingo Pohlmann (dem jungen Mann, der seine Gürtelschnalle nicht enger schnallt, sondern grundsätzlich seitlich trägt), 1/3 Dirty, dem Bongoman, der wundervoll Percussion spielte und einem weiteren Drittel Jan(i) Löchel aus Münster, dem Inhaber von Sunwater Music, Ingo`s Produzent und Mitschreiberling, der mit Konzertklampfe und Backgroundgesang begleitete. Ingo war vor einiger Zeit schon sehr erfolgreich mit der Hamburger Band Goldjunge, die u. a. Laith Al-Deen supportete, Jan ist ein angesehener "Pop"-Producer, der sich auch in den Niederlanden sehr geschickt "einschreibt", u. a. auch am Co-Writing des Album "No Excuses" der H-Blockx nicht unwesentlich beteiligt war. Ingo selbst war auch mit Lagerfeuerzupfinstrument bewaffnet, setzte aber natürlich vor allem seine gewaltige Stimme ein, um das Publikum um den kleinen Finger zu wickeln, was ihm schon bei der ersten Nummer mehr als gelang.

Als besonders erwähnenswert empfinde ich Songs wie z. B. "Dracula und Nina", zu dem Ingo sich durch den dazugehörigen Film inspirieren ließ oder auch "Superstar sucht Deutschland", eine recht spaßige Verarsche auf "Deutschland sucht den Superstar", eben einmal anders herum aufgezogen, und so natürlich wesentlich logischer und geiler. Und da Pohlmann uns mit ihrer persönlichen Romantik nicht gleich Handschellen anlegten, kam ihre Sternschnuppen-Nummer herrlich ehrlich rüber. Ingo hat herausgefunden, dass es unter uns Frauen auch Männerversteherinnen geben soll. Seine lyrischen Ausbrüche hierzu sollte man sich aber auf jeden Fall live anhören; die kann man nicht in Worte fassen, wenn keine Musik dabei ist. Besonders prickelnd war die Fernweh-/Heinweh-Nummer. Die war einfach nur wunderschön. Augen zu, Herzschmerz rein, Deckel drauf.

Die Zugabe begann Ingo bezeichnenderweise solo. Aha, er winkte sich Verstärkung ran: Zusammen mit Henning Wehland von den H-Blockx (ich hatte mich schon gewundert, warum der den ganzen Abend an der Kellertreppe lehnte) schmetterte er den Danko Jones-Klassiker "Play the blues", ganz nach dem Motto: "Get yourself a woman".

Henning verriet mir im November auf der Aftershowparty von den H-Blocks in Hamburg, dass er von Ingo sehr überzeugt und begeistert sei, wobei ich ihm nur feste nickend zustimmen kann und konnte, auch mußte ich mir für dieses "Outing" 3 x ein "Was, Du findest die H-Blockx scheiße?" anhören. Das zum Thema Frauenversteher ... Vermutlich wird Pohlmann eines schönen Tages eine Speisekarte komponieren und richtig fett rauskommen.

Michy Reincke gab Tipps für`s Leben: man sollte doch niemals frisch gesammelte Muscheln auf der Hutablage eines Japaners zwischenlagern, weil die nach gewisser Sonneneinstrahlung doch etwas übel riechen würden. Dazu muss man erwähnen, dass Herr Reincke sich als Leihwagen einen VW Käfer bestellt hat, man ihn aber mit einem japanischen (!) Hyundai beglückte (was ich doch eine Einmaligkeit fand, da Hyundais in der Regel aus Korea kommen, aber gut). Aber das Essen wäre in Mexiko doch eßbarer als erwartet.

Die nächste Künstlerin war Indra Afia, eine junge Dame, die bekannte US-Blues-Klassiker mit deutschen Texten auf`s Parkett schmiß. Indra begeisterte als Artistin sehr, weil sie eine irre Ausstrahlung und eine wundervolle Stimme besitzt, allerdings m. E. nach einfach mit dem verkehrten Repertoire auf den Planken stand. Die deutschen Texte klangen wie wortwörtliche Übersetzungen des meist amerikanischen Originals. Besonders negativ kam dies rüber als sie das Publikum aufforderte, mitzusingen, die Texte würde doch jeder kennen. Ja, schon klar ... Diese so genannten Übersetzungs-Cover liegen mir persönlich gar nicht, vor allem, weil die Original-Texte aus Amiland meistens schon so leer von Geist sind, dass sie auf Deutsch wie Lärm mit Copyright rüberkommen. Die Stefan Gwildis-Variante finde ich da doch viel abgerundeter; Gwildis covert, schreibt aber zur Originalmusik seine eigenen, teils recht sarkastischen Texte. So haben die Nummern wieder etwas völlig eigenes, was ich liebe. Afia - war nichts.

Das Schlußlicht machte Neil, ein Romantik-Rocker, der in Hamburg schon sehr lange sehr bekannt ist, leider nur unter der Hand. Michy Reincke prophezeite ihm, dieses Jahr ein Album rauszuknallen. Wenn wieder nicht, dann eben nie. Das wollen wir aber mal nicht so laut sagen und einfach die Daumen drücken. Neil zog leicht gleich mit Pohlmann, ging ausstrahlungstechnisch nicht ganz so ins Blut wie der blonde Gott mit Hüftjeans, der sich vor Neil so richtig ins Zeug legte, auch optisch total mit seinen Nummern verschmolz. Neil hatte offensichtlich seinen gesamten Fanclub mitgebracht. Vor der kleinen Bühne drängelten sich seine Die Hards platt und kreischten und jubelten. Auch für Neil bestätigt die musikalische Glaskugel noch etwas sehr Großes!

Die Lausch Lounge wird zukünftig Pflichtprogramm sein. Endlich mal ein wirklich geniales Projekt, was nicht auf irgendwelchen Kommerz ausgelegt ist, sondern auf pure Kunst mit Potential. Jahrelang tourte ich durch die Benelux-Länder, um mich an Kleinkunst aus Texten und Musik mit Tiefgang in kleinen, kuscheligen Theatern zu erfreuen, weil in meinem Musikland so gar nichts abging, was mein Herz erfreute. Ich habe das Gefühl, ich bin am Mittwoch nach langer Zeit wieder nach hause gekommen. Dankeschön dafür!

Für die, die jetzt noch nicht genug haben: Am ersten Mittwoch im März wird Tide die Lausch Lounge im Radio ausstrahlen, Beginn 19 h.

Informative Links zum Thema:

Sommersalon
Jan Löchel
Ingo Pohlmann bzw. Goldjunge
Henning Wehland
Michy Reincke
Hasko Witte bzw. .bkw
Lausch Lounge
La Vache Frontale
Indra Afia
Neil
Tide

Tina Hahn, 12.02.2005

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