Rammstein Live: Straßburg, 03.12.2009, Zénith

  • 05.12.2009
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Rammstein - Live: Straßburg, 03.12.2009, Zénith - News
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Ein metaphorischer Orgasmus mit Publikumsbezug.

Straßburg? Ja. Das elsässische Städtchen musste für diverse Badener als Ausweichort hinhalten, da die Tickets für den näherliegenden Ort schneller vergriffen waren, als man die Bestell-Website ohne Fehlermeldung aufrufen konnte. So begab man sich in das erst vor wenigen Jahren erbaute „Zénith“, das an diesem Abend schätzungsweise 10.000 Rammstein-hungrige Gäste fasste, die sich zwischen einer großzügigen Tribüne mit prächtiger Aussicht und dem energiegeladenen Stehplatz-Raum vor der Bühne entscheiden konnten. Rammstein ließen seit ihrer letzten Tour geschlagene vier Jahre auf sich warten. Nach einem reibungslosen Einlass und dem interessanten Auftritt der Aggrotech-Vorband Combichrist öffnet sich der große Vorhang. Der gewaltige Jubel macht hinreichend deutlich, wie froh das Publikum ist, die wohl erfolgreichste deutschstämmige Band der Welt endlich wieder willkommen heißen zu können, noch bevor der skurril kostümierte Sänger Till Lindemann im Opener „Rammlied“ die Zeile „Nun das Warten hat ein Ende, leiht euer Ohr einer Legende“ singt.

„RAMM… …STEIN!“ Eine mächtige Gitarrenwand mit pumpenden Trommelschlägen bläst dem Zuschauer entgegen; scheinbar schafft es der Mann am Mischpult erst nach den ersten beiden Liedern, den groben Sound der sechs düsteren Gestalten zu erden. Auf eine aus drei Songs des neuen Albums bestehende Einstimmung folgt Publikumsliebling „Keine Lust“, wo die Stimmung auch ohne Pyrotechnik am kochen ist. Letztere kommt bei „Feuer Frei!“ natürlich wieder zum Einsatz. Auch bei „Wiener Blut“ und „Ich tu dir weh“ gibt es viel fürs Auge, wenn zahlreiche Babypuppen von der Bühne hängen, die am Ende unter lautem Knallen zu Boden fallen, oder Keyboarder Flake von einem hoch oben stehenden Till mit einem lavaartigen Feuerfluss begossen wird. Ein Rammstein-Konzert bedeutet natürlich vor allem eins: Bühnenshow. Doch auch musikalisch können die seit nunmehr über 15 Jahren zusammen musizierenden Herren immer wieder voll überzeugen. Ganz deutlich z.B. beim emotionalen „Frühling in Paris“.

Die eisernen Minen lassen nicht durchblicken, wie gut die Bandmitglieder an diesem Abend aufgelegt sind, doch sie sind sichtlich in Form und Till wird diesem Erscheinungsbild auch stimmlich gerecht. Das französisch-deutsche Publikum ist schon bald etwas müde, bäumt sich aber speziell zu den älteren Hits immer wieder auf und spendet stets euphorischen Beifall. Nichtsdestotrotz verlassen sich Rammstein ganz stark auf ihr aktuelles Album „Liebe ist für alle da“. Von den elf Liedern der regulären Version haben neun (!!!) einen Platz in der Setlist bekommen. Die Freude und Erleichterung über das nach langer Pause und einigen Reibereien endlich fertig gewordene Album scheint sehr groß zu sein. Der Fan muss dafür auf so einige Klassiker wie „Du riechst so gut“ oder „Sehnsucht“ verzichten, was dem Publikum gar nicht mal so viel auszumachen scheint. Immerhin ist „Engel“ wieder im Set, im Gegensatz zur letzten Tour.

Da eine Tour zum 2005er Album „Rosenrot“ nie stattfand, durfte man erwarten, dass diesmal endlich einige Songs des besagten Albums in der Liveversion zu hören sind. Pustekuchen. „Liebe ist für alle da“ regiert die Setlist, gefolgt erst vom „Mutter“-Album mit vier Vertretern. Von der „Rosenrot“-Titelliste wird lediglich „Benzin“ zum Besten gegeben, womit Rammstein die vergleichsweise geringe Beliebtheit von „Rosenrot“ noch unterstreichen. Ziemlich schade, hatte das Album doch immerhin eine eigene Atmosphäre und einige Kracher wie z.B. „Mann gegen Mann“. Ein gewagtes Unterfangen, diese klassikerarme Setlist, zumal in Straßburg mindestens genauso viele ältere Besucher ab 35 vor Ort sind wie Teenager. Verarscht muss man sich trotzdem nicht fühlen. Rammstein rocken an die 100 Minuten, die einem dank der kräftezehrenden Action auf und vor der Bühne sicher nicht zu kurz vorkommen.

Es ist eine typische Rammstein-Show, mit einigen Pyrotechnik-Elementen, die schon auf der „Reise, Reise“-Tour zum Einsatz kamen, sowie ein paar hübschen neuen Ideen. Der Höhepunkt offenbart sich mit „Pussy“. Hier wird ein metaphorischer Orgasmus mit Publikumsbezug so brillant inszeniert, dass man glaubt, die gespielte Spermagier einer Pornodarstellerin nachfühlen zu können, nur dass die Gefühle in diesem Fall echt sind. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Eine gute Entscheidung, einen Stehplatz vor der Bühne zu wählen, vielleicht auch weil Keyboarder Flake bei „Haifisch“ das Publikum wieder mal als seinen persönlichen Ozean nutzt, indem er sich im Schlauchboot von tausenden von Händen befördern lässt. Die Bühne mit dem Hintergrund, der wie ein riesiges, von Krallen zerfetztes Laken aussieht, ist schaurig-schön, aber nicht ganz so imposant wie das Bühnenbild der „Reise, Reise“ Tour 2004/2005. Selbst übertroffen haben sich Rammstein sicher nicht, doch darf man nicht vergessen, dass deren Show im Vergleich zu jener von fast allen anderen Bands immer noch mehr als bombastisch ist. Ein gelungenes Konzert.

Setlist:

  • Rammlied
  • B*******
  • Waidmanns Heil
  • Keine Lust
  • Feuer frei!
  • Weißes Fleisch
  • Wiener Blut
  • Frühling in Paris
  • Ich tu dir weh
  • Liebe ist für alle da
  • Links 2-3-4
  • Haifisch
  • Du hast
  • Pussy
  • Benzin
  • Sonne
  • Ich will
  • Engel

für CDstarts.de

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