Turock Open Air (31.08. - 01.09.2012)

  • 04.09.2012
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Turock Open Air (31.08. - 01.09.2012) - News
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Metal in der Innenstadt: Das definitive Aushängeschild von Essen. Original!

Im Zuge des Stadtfestes Essen.Original, präsentiert sich das Turock Open Air für Kutten- und Bandshirtträger als Insel im Ozean des Mainstreams. Aber das ist bei weitem noch nicht alles! Das abgezäunte Areal auf dem Viehofer Platz bietet im direkten Vergleich zu den satellitenartig in der ganzen Essener Innenstadt verteilten Stages tatsächlich ein reichhaltiges Angebot an großen Namen: Rage, Drone, Helstar, Asphyx. Klingelt's? Mehr bot dieses Wochenende keiner.

Im Schatten der St. Gertrudis Kirche (Baujahr 1877, Glockenklang: Laut) sammeln sich schon die ersten Leute vor der Bühne des Turock Open Airs (Baujahr 2008, Glockenklang: Lauter), um sich mit Speis und (viel) Trank schon mal auf's Programm vorzubereiten. Der Himmel sieht ehrlich gesagt gar nicht gut aus und so mancher Regentropfen fällt in das ein oder andere Bier. Sich die Laune versauen kann man aber woanders. Niederschlag und kalte Brisen unter dem Schottenrock sind eh vergessen, als die Schweizer Heavy Metal-Garde um Emerald die Ehre hat das Festival zu eröffnen. Die Buben aus Düdingen versüßen mit fetten Riffs und ihrem Näschen für gute Melodien den Nachmittag und sind sich anschließend im Merchandise Stand auch für ein kleines Pläuschchen nicht zu schade. Ob nun älteres oder eher aktuelles Material: Emerald zeigen Erfahrung, Spielfreude und werden ihrer verantwortungsvollen Aufgabe gerecht.

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Ein fast schon schwerer Stand für The Order Of Chaos mitsamt seiner charismatischen Frontfrau Amanda "The Wench" Kiernan. Die Band aus dem fernen Kanada lässt sich allerdings nicht lumpen und pulverisiert die immer noch eher moderate Anzahl an Besuchern mit ihrer Interpretation von Power und Thrash. Fräulein Kiernan macht ordentlich Dampf und ist stets bemüht mit dem Publikum zu interagieren. Die Versuche im Sprechen der deutschen Sprache sind dabei so charmant wie ihre kleine Promotour durch die Publikumsreihen im späteren Verlauf des Abends. Wer sie traf, staubte die aktuelle EP „Sexwitch“ und/oder ein Erinnerungsfoto ab. Ebenfalls soll Angel Dust-Fronter Dirk Thurisch gesichtet worden sein. Sein inzwischen zur echten Band gereiftes Projekt Mercury Tide bietet melodischen Power Metal mit dem ein oder anderen Fokus auf's Keyboard. Vor der Bühne wird es langsam voller. Heißt: Mehr Leute kriegen Regen ab.

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Der Freitag steht voll und ganz im Zeichen des eher traditionellen Metals. Da wirken Restless doch schon ein wenig wie Platzhirsche. Nichts desto trotz wissen die Rockabilly-Veteranen restlos zu überzeugen. Mit einer wahnsinnigen Musikalität und saucooler Ausstrahlung begeistert das Trio nicht nur die extra für sie angereisten Fankreise, sondern gönnen dem ein oder anderen geschundenen Nacken auch eine wohlverdiente Verschnaufpause. Das kleine bisschen Energie extra wird auch noch dringend benötigt. Iron Savior, Helstar und Rage sind Szenegrößen, die man nicht alle Tage in einem Rutsch sehen kann. Und schon gar nicht für den unschlagbaren Preis von 0,00 Euro. Iron Savior mit Power Metal-Urgestein Piet Sielck am Mikrofon leiden teilweise zwar am etwas matschigen Sound, kommen aber dafür mit ordentlich Schmackes daher. Ihre gemischte Setlist (Livekracher „Condition Red“ vom gleichnamigen Album inklusive) weiß zu gefallen und sorgt dafür, dass es der Mob trotz Regenguss muckelig warm hat. Ein Höhepunkt!

An zweiter Stelle des Headliner-Marathons sind dann Helstar, welche man seit ihrer Reunion im Jahre 2007 endlich wieder live erleben darf. Als dienstälteste Band (Est. 1981) ist es für die Texaner ein Leichtes das Publikum zu mobilisieren. Sie müssen sich nicht mal vor Rage verstecken, die als Publikumsmagnet dann den pickepacke vollen Viehofer Platz das geben, was er verdient hat: Feinsten Power Metal der alten Schule! Mit der längsten Spielzeit am Freitag rocken Peavy, Smolski und Hilgers mehrere Generationen von Metalern. Die fressen dieser festen Institution des Teutonen-Metals brav aus der Hand. Vergessen ist das schlechte Wetter, vergessen ist der kalte Sommertag. So soll es sein! Anschließend ist eigentlich Schicht im Schacht, aber den Spaß und die Party will sich so mancher nicht nehmen lassen. Angeblich hat der ein oder andere Besucher bis zum Morgen tapfer durchgemacht.

Diejenigen, die artig in die Heia gegangen sind, hatten in der Nacht von Freitag auf Samstag wahrscheinlich wenige Spaß in den Backen, stehen dafür aber mit frischer Energie bereits um 13 Uhr auf der Matte, um sich mit Predatory Violence, Human Zoo, Seven Thorns und Scanner aufzuwärmen. Schließlich folgt nachmittags mit Drone ein Senkrechtstarter, für den viele Fans extra gekommen sind. Übrigens: Sind das da Sonnenstrahlen? Das Turock wird mit gutem Wetter gesegnet!

Bei Drone, dem heißesten Import aus dem niedersächsischen Celle, noch immer von Newcomern zu sprechen, würde den vier Thrashern nicht gerecht werden. Mit immerhin drei Langrillen im Gepäck arbeiten sich Moritz „Mutz“ Hempel, Felix Hoffmeyer, Marcelo Vasquez und Fabian Harms (nach dem lauthals gesungenen Ständchen auch hier nochmal 'nen Herzlichen!) nach Oben. Ältere Songs kommen genauso gut an wie das Material von ihrem letzten Album „For Torch And Crown“, live übrigens sogar weitaus zackiger und energiegeladener. Und das Shirt mit dem Slogan „I Am Hip Hop“ hat man Frontmann Mutz nach dem ersten Riff ihres Thrash- und Groove Hybriden eh nicht mehr abgekauft!

Gloryful aus Gelsenkirchen knüpfen da fast nahtlos an. Mützenträger und Frontsau Johnny la Bomba leistet einen immer wieder wichtigen Beitrag zur Streitfrage was denn nun Metal sei und was nicht: „Wer hat sich diesen Schwachsinn eigentlich ausgedacht?“ Kein genauer Wortlaut, aber zumindest eine richtige Botschaft vom Sänger. Kurzhaarmetaler und Bemattete, Bandshirtgewandete oder Normalos gehen gleichermaßen zu dem sehr modernen Heavy Metal der Jungs ab und sollen stellvertretend dafür stehen, dass Metal etwas ist, was auch im Kopf oder Herzen passiert und nicht zwangsläufig auf dem Kopf oder als Aufdruck einer Textilie. Wem Gloryful gefallen hat, sei übrigens der gratis Download ihrer 2010er EP „Sedna's Revenge“ ans Herz gelegt!

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In eine ganz andere Kerbe schlagen da schon die schwedischen Crossover-Mediziner von Dr. Living Dead. Sie sind nicht nur ein Kontrastpunkt zum traditionellen Freitag sowie den zuvor spielenden Gloryful, sondern haben schon alleine aufgrund ihres Auftretens die Aufmerksamkeit des Publikums im Sturm erobert. Ihr Mummenschanz kommt gut an und Moshen ist vor der Bühne (wenn auch nur vereinzelt und zaghaft) ebenfalls drin. Dr. Rad (Bass), Dr. Dawn (Schießbude), Dr. Toxic (Gitarre) und Dr. Ape (Gesang. Ja, genau, der mit der Totenkopfmaske) hatten bereits die Chance mit ihrem Chefarzt Slayer in Brasilien ihre Hardcore-/Thrash-OPs zu machen. Was sie gelernt haben, kam bei der Meute gut an.

Mit Sacred Steel sind dann wieder alt eingesessene Herren am Werk. Böse Zungen lassen verlauten, dass der sehr gitarren- und bassorientierte Sound die Stimme des Frontmannes Gerrit Philipp Mutz glücklicherweise ein wenig in den Hintergrund gedrängt hat. Auch wenn es wohl wahr ist, dass Mutz zu den umstrittensten Sängern im Power Metal gehört, muss im Nachhinein doch jeder zugeben, dass die gesamte Band einen guten Job gemacht hat. Sieben Studioalben seit 1997 ermöglichten Sacred Steel eh sich die Rosinen aus dem Backkatalog raus zu picken. Zudem ist die Melange aus Euro Power Metal und Speed-/Thrash-Elementen ohne aber dem US-Power zu nahe zu kommen, fast einmalig und von den Heroen aus Ludwigsburg mit viel Spielfreude und Live-Erfahrung toll rübergebracht.

Endspurt! Was hätten wir denn da? Glam von Lillian Axe, angeschwärzter Thrash von Desaster und last but not least die niederländische Todesblei und Doom Legende Asphyx. Was für eine Mischung! Lillian Axe und ihr Frontmann Steve Blaze wirken fast deplatziert zwischen dieser Riege des Extreme Metals, bezeugen aber deutlich die Vielfalt des Turock Open Airs. Freunde von Heavy Metal lassen es sich gut schmecken. Und mal ehrlich: So viel Glam, dass der Zuckerguss trieft, ziehen die US-Amerikaner nun auch wieder nicht ab. Wer anderer Meinung ist, hat dann sowieso seine Freude an den Schlusslichtern Desaster und Asphyx, die den Abend überaus besinnlich ausklingen lassen.

Stammgäste des Open Air Festivals haben wieder einmal gekriegt, was sie wollten. Das Turock Open Air hat nicht nur gezeigt, dass es dank namenhafter Acts der heimliche Star Essen.Originals ist, sondern auch, dass es allen Unkenrufen in der Vergangenheit zum Trotz das Potential hat, das absolute Aushängeschild des alljährlichen Stadtfestes zu werden (falls dies noch immer nicht der Fall sein sollte). Eine gute Organisation zahlt sich eben aus! Zwischen den Auftritten ging es stets ruckzuck voran – Man war auf jeden Fall gut in der Zeit und hatte trotz dem kleinen bisschen Druck einen erstaunlich guten Sound. Dixiklos gab's in weiser Voraussicht auch. Der ein oder andere hat zwar sicherlich auf die obligatorischen, gesalzene Bierpreise verzichtet, konnte aber das Gelände in Richtung Kiosk verlassen. Ausschreitungen blieben bis auf eine kleine Ausnahme (jemand hat sein Buttermesser aus Versehen eingepackt und damit rumgefuchtelt) glücklicherweise die nicht die Regel: Im Vergleich zu anderen Arealen der Essener Innenstadt keine Selbstverständlichkeit. Darauf ein saftiges Hip Hip Hurra und ein Kreuzchen im Kalender des Jahres 2013. Fazit: Das Turock Open Air lohnt sich immer wieder!

für CDstarts.de

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