Opeth Live: Bochum, 23.11.2012, Christuskirche

  • 25.11.2012
Artikel teilen:
Opeth & Anathema - Live: Bochum, 23.11.2012, Christuskirche - News
Klicken für Großansicht

Unplugged-Progmette mit zwei absoluten Genregrößen.

Opeth und Anathema an einem Abend, direkt hintereinander, in selten gehörter Akustikform und alles von einer außergewöhnlichen Location abgerundet: Das ist der Stoff, aus dem Prog-Träume gemacht sind! Auch wenn vor der Christuskirche in Bochum hauptsächlich Anhänger der schwedischen Death- und Prog-Kombo Opeth auf den Beginn des Gottesdienstes warten, so wird wohl keiner leugnen, dass Anathema weit mehr als eine Supportband sind. Die britischen Stilmix-Jongleure werden völlig zurecht als Special Guest angepriesen. Immerhin haben Anathema mit Alben wie „We´re Here Because We´re Here“, „Alternative 4“, „A Natural Disaster“ und dem jüngst erschienenen „Weather Systems“ bewiesen, dass sie in der Szene auf jeden Fall ein Wörtchen mitzureden haben! Fans freuen sich also über zwei Acts auf Augenhöhe und somit gleich doppelt viele Höhepunkte.

Für viele Metaler soll das Konzert wohl der erste Gang in die Kirche seit Jahren gewesen sein. Auf den Holzbänken macht man es sich bequem und wartet gespannt auf den Beginn des Konzerts. Anathemas Danny Cavanagh begrüßt das Publikum bis schließlich sein Bruder Vincent hinzukommt. Wirklich unplugged ist der Gig nicht, da Danny dafür sorgt, dass Sampler einen Löwenanteil des Sounds bekommen. Dafür stemmen die Brüder ihr Stelldichein fast komplett im Alleingang. Daniel Cardoso darf nur selten ans Keyboard und Sängerin Lee Douglas hat lediglich eine unterstützende Funktion. Die Songs klappen trotzdem. Klar, Anathema haben den vielleicht interessantesten und faszinierendsten Wandel in der Geschichte des Metal hinter sich – ihr atmosphärischer Alternative Rock ist tatsächlich einer, der dem Prefix noch alle Ehre macht. Songs wie „Thin Air“, „The Beginning And The End“, „Dreaming Light“ und „A Natural Disaster“ zeugen vom Können und der Qualität der Briten und sind in Punkto Melancholie und Atmosphäre so stark, dass das Publikum den Atem anhält.

„Untouchable (Part II)“ vom aktuellen „Weather Systems“ wird dagegen zwiespältig empfangen. „Besser als nichts!“, so Danny Cavanagh. Es grenzt an Ironie, dass die Komposition den zum Teil größten Applaus des Abends bekommt. Eins zu Null für Anathema! Richtig Mitmachen ist beim Pink Floyd-Hit „Another Brick In The Wall“ angesagt, bevor man das Publikum nicht ohne den eigenen großen Hit „Fragile Dreams“ gehen bzw. weiter warten lassen will. Nach kurzen Umbauarbeiten geht es dann nahtlos weiter.

Opeth werden mit einem warmen Applaus empfangen. Mikael Åkerfeldt ist so wie man ihn kennt und mag: Ein immerzu freundlicher 70s-Waldschrat mit schmächtiger Statur, einem spitzbübischen Grinsen und unglaublicher Präsenz, die alle Blicke auf den Stockholmer lenkt. Mit seiner heiteren und ausgelassenen Art sorgt er dafür, dass es zwischen den Songs grundsätzlich etwas zu lachen gibt. „I smell. They provide shelter but not showers“, so sein persönliches Statement zum eigenen Körpergeruch und zur Location. Abfällige Kommentare zu dieser verkneift er sich – Åkerfeldt ist viel zu smart, um sich eine derartige Blöße zu geben. Dass er und seine Jungs aber praktisch vor einem Altar spielen und er einst mit der ausgestreckten Pommesgabel vor den Bathory-Postern seines Kinderzimmers stand, lässt er dann doch schnippisch raus. Neben all den Anekdoten (ein Schelm, wer jetzt an die momentane musikalische Ausrichtung Opeths denkt) erörtert er nebenbei die Bedeutung des Wortes „unplugged“ („Da sind doch Stecker. Selbst in der Akustikgitarre.“) und deutet immer mal wieder einen Song an, den er dann abrupt abbricht. „Tears In Heaven“ (Åkerfeldt kenne den Text angeblich nicht) und „Nothing Else Matters“ (Das wäre dann doch zu leicht gewesen!) haben es leider nicht mehr in die Setlist geschafft. „You Suffer“, das legendäre Magnum Opus der englischen Grindcore-Heroen Napalm Death wird dann auf zahlreiche Bitten hin flugs improvisiert. Mit seinem Publikum ist er praktisch per du und interagiert nicht nur ein Mal direkt. Bleibt festzuhalten: Miteinander Lachen ist bei der Mikael-Åkerfeldt-Show praktisch durchgängig garantiert.

Komplett anders präsentieren sich Opeth, wenn es um ihre Musik geht. Hier nehmen die Schweden ihre Arbeit nicht nur extrem ernst, sondern verlieren sich praktisch in jener. Wenn man bedenkt, dass Mikael Åkerfeldt zuerst Witze reißt und Sekunden später schließlich hochkonzentriert an der Gitarre sitzt und singt, dann merkt man deutlich, dass er in seinem Element ist. Opeth schaffen hier den Spagat zwischen charmantem Rumgeblödel und einer großartigen musikalischen Performance. Gerade dass es sich um ein Akustikset handelt, ist die logische Konsequenz des letzten Albums „Heritage“: Keiner sagt, dass Åkerfeldt und seine Mannschaft nicht mehr dem beliebten Progressive Death spielen werden. Vielmehr setzen sie die Ideen des Longplayers in Liveform intelligent und passend um. Kompositionen wie „Heritage“, „Häxprocess“ oder „Marrow Of The Earth“ sind dabei die einzigen Stücke des jüngsten Albums. Die Single „The Devil's Orchard“ wurde interessanterweise gar nicht erst gespielt. Liegt es an dem Veranstaltungsort, an dem Nietzsche-Zitate einfach nicht gepasst hätten? Dafür kriegen die melancholischen „In My Time Of Need“ und „Hope Leaves“ vom beliebten „Damnation“ endlich den vollends passenden Live-Rahmen.

„Atonement“ („Ghost Reveries“) beweist dann die große Liebe der Band zu psychedelischen Spielereien, die auch bei dem geschickt gewählten Black Sabbath-Cover „Solitude“ („Masters Of Reality“) die Seite Opeths zeigt, die man vor vielen Jahren noch gar nicht für möglich gehalten hätte. Ähnliches gilt für das andere Cover: Die unbekannten Schweden Hansson de Wolfe United mit dem noch unbekannteren „Var Kommer Barnen In“ kommen zu spätem Ruhm. Anfangs noch zwiespältig aufgenommen, mausert sich der Song zu einem Überraschungshit, der beim Publikum super ankommt.

„Demon Of The Fall“ („Still Life“) ist die einzige Komposition, die laut Åkerfeldt für das Akustikset komplett neu arrangiert wurde. Die einst harte Metalnummer ist kaum noch wieder zu erkennen, hat aber seine hypnotische Wirkung nicht verloren. Interessanterweise zeigt sich hier die Ausrichtung der „neuen“ Opeth am besten. „Demon Of The Fall“ ist in das Korsett des skandinavischen Progs der späten 70er- und 80er-Jahre gezwängt worden und hätte auch auf „Heritage“ in der neu eingespielten Form prima gepasst. Immer mehr denkt man an Bands wie Änglagard oder Kaipa. Die Fans freuen sich über die Umstrukturierung des Opeth'schen Sounds aber trotzdem. Immerhin sind sie treue Seelen, musikalisch absolut offen und sich bewusst, dass von dieser Band noch so einiges kommen wird. Den Abend hält man in guter Erinnerung und lässt ihn mit Standing Ovations ausklingen: Da gab es viel zu lachen, viel zu staunen und zwei Bands, die ihr hohes Niveau abermals bewiesen haben. In dieser Formation können sie auch gerne wieder zurück kommen!

Setlist: Anathema

Thin Air
The Beginning And The End
Dreaming Light
A Natural Disaster
Untouchable
Another Brick In The Wall
Fragile Dreams


Setlist: Opeth

Heritage
Credence
In My Time Of Need
Häxprocess
Var Kommer Barnen In
You Suffer
Solitude
Benighted
Demon Of The Fall
Hope Leaves
Atonement
Marrow Of The Earth


Daniel Køtz (Text) und Stephanie Wunderl (Fotos] für CDstarts.de

comments powered by Disqus
Weitere Artikel