Steven Wilson Live: Neu-Isenburg, 23.03.2013, Hugenottenhalle

  • 05.04.2013
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Steven Wilson - Live: Neu-Isenburg, 23.03.2013, Hugenottenhalle - News
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Der Musiksnob und seine grandiosen Untertanen boten die volle Hörgenussdosis.

Was gab es nicht für einen Trommelwirbel um das neue Album The Raven That Refused To Sing von Steven Wilson, Coverstory in den Magazinen eclipsed, Rockhard und Visions, diverse Album des Monats-Rezensionen, Kritiker überschlugen sich mit Lob und das Album landete sogar auf Platz 3 der deutschen Album Charts, allerdings hinter Heino. Dabei handelt es sich um Prog-Rock, auch noch mit Jazzeinflüssen, eigentlich massenuntaugliche Nischenmusik, aber eine große PR macht eben doch das Unmögliche möglich. Man kann sie sich regelrecht vorstellen, die Prog-Hörer, wie sie geschlossen die Elektrofachgeschäfte dieser Welt aufsuchen, um zu hören, wofür dieser Steven Wilson all seine Bands in den Wind geschossen hat. Es gibt aber eine noch bessere Möglichkeit, dies zu erfahren, nämlich live bei einem Konzert mit den Musikern, mit denen er auch das Album aufgenommen hat. Wie gut, dass dies noch nicht einmal einen Monat nach der Veröffentlichung des Albums möglich wurde.

In der Hugenottenhalle in Neu-Isenburg saßen um 19:30 Uhr die meisten Konzertbesucher schon brav auf ihren Sitzen und es ertönte zur Einstimmung eine leicht paranoide und Angst einflößende Ambientmusik von Bass Communion. Es wurde wohl allgemein befürchtet, dass nur Mittfünfziger King Crimson-Fans erscheinen würden, die die Sitzgelegenheit begrüßen müssten, aber da haben die Veranstalter die Mittfünfziger unterschätzt. Herr Wilson hat gleich betont, dass das bestuhlte Konzert nicht seine Idee war und kaum ein Zuschauer hatte sich getraut, die Sitze als angenehm oder gar notwendig zu deklarieren. Das lag aber auch an dem sehr breit gestreuten Publikum von jungen vor Aufregung rum hüpfenden Teenagern bis hin zu gelangweilt dasitzenden Freundinnen langhaariger Metal-Hörer. Das Endergebnis war eine ausverkaufte Veranstaltung in Neu-Isenburg, nicht Frankfurt, wie die Show oft referiert wurde, ein großer Fauxpas, wie der Meister selbst zugeben musste.

Zur Hauptsendezeit („prime time“) ging es direkt los, ohne Vorspeise(n), gleich der Hauptgang, klassischer Einstieg mit den ersten beiden Stücken des neuen Albums. Danach wechselten sich neue und ältere Songs ab, wobei das vollständige neue Album in der Setlist untergekommen ist. Die Bühne wurde diesmal nicht von Beginn an durch ein durchsichtiges Tuch verhüllt, wie noch bei der letzten Tour. Die Musiker wollten wohl zuerst eine gewisse Beziehung zu den Zuschauern aufbauen, bevor sie die Bühne vor „The Watchmaker“ verhüllten und ein kurzes Intro auf das Tuch projizierten. Uhrengeräusche erklangen aus allen Ecken, da wurde nicht nur einer an Pink Floyd erinnert, was Steven Wilson gleich mit dem besserwisserischen Kommentar abgeschmettert hat, dass Pink Floyd nicht die erste Band war, die Uhren in der Musik eingesetzt hat und dass die (Musik-)Welt mit mehr solcher Musiksnobs wie ihm besser dran wäre. So, so, Herr Wilson teilt aus.

Musikalisch hatte das Sextett tatsächlich einiges zu bieten, unglaublich präzise und dabei so locker spielten sie sich durch alle Taktwechsel und sonstigen musikalischen Kniffe. Nick Beggs mit seinen strohblonden Haaren hatte immer etwas Sehenswertes am Bass und besonders am Chapman Stick zu bieten. Guthrie Govan fegte über das Griffbrett seiner Gitarre und entlastete zu großen Teilen Steven Wilson, der mal an seinem Keyboard, mal an der Gitarre spielte, sich aber vor allem auf den Gesang konzentrierte. Wilson wirkte sichtlich zufrieden und voller Energie in seiner Rolle als Dirigent, wie er über die Bühne flitzte und jedem Musiker mal auf die Finger schaute.

Der Klang war generell sehr gut und für ein Rockkonzert gar nicht mal so laut, so dass in leisen Passagen sogar auf den Gehörschutz verzichtet werden konnte. Die Videos auf der Hintergrundleinwand waren leider ziemlich undeutlich, ob nun die Bühnenlichter zu hell oder der Beamer nicht hell genug war, dem Konzerterlebnis hat dies keinen Bruch getan. Die Spannung und Aufmerksamkeit der Zuhörer über zwei Stunden und 15 Minuten aufrecht zu erhalten, ist allerdings keine leichte Aufgabe. Herr Wilson hat dem Publikum vieles abverlangt mit seinen Kompositionen und obwohl er sich bemüht hat, die Setlist abwechslungsreich zu gestalten und immer wieder leisere, langsamere Stücke zur Erholung einzubauen, gab es Momente, in denen die Zuhörer etwas ermüdet waren. Besonders das überlange „Raider II“ kurz vor Ende war etwas zu viel des Guten. Diesen Umstand wollte er bereits kurz zuvor verhindern, indem er die Besucher zum Aufstehen und Abrocken aufforderte, und das, obwohl sich die komplexen Strukturen seiner Songs nur selten dazu eignen, wirklich mit zu rocken.

Als Zugabe gab es überraschenderweise einen wirklich alten Porcupine Tree-Song zu hören, der in den letzten Jahren nur sehr selten live aufgetaucht ist, „Radioactive Toy“. Bei diesem simplen Klassiker war die Bereitschaft der Hörer zum Mitsingen am Größten, aber selbst hier wurde die Interaktion mit der Band beschränkt, da sie den Song, besonders im Mittelteil, eingejazzt und gestreckt hat. Das Konzert bot somit die volle Hörgenussdosis, ohne die Bein- und Nackenmuskulatur besonders zu fördern.

Setlist:

  • Luminol
  • Drive Home
  • The Pin Drop
  • Postcard
  • The Holy Drinker
  • Deform To Form A Star
  • The Watchmaker
  • Index
  • Insurgentes
  • Harmony Korine
  • No Part Of Me
  • Raider II
  • The Raven That Refused To Sing
  • Radioactive Toy

für CDstarts.de


Fotos von Diana Nitschke vom Konzert aus Essen, veröffentlicht auf http://stevenwilsonhq.com

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