Arcade Fire Live: Dresden, 17.06.2014, Junge Garde

  • 04.07.2014
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Arcade Fire - Live: Dresden, 17.06.2014, Junge Garde - News
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Besondere Ereignisse erfordern besondere Locations. Und so ist es wenig verwunderlich, dass Arcade Fire für ihr Dresden-Konzert die Junge Garde ausgewählt haben, ein Amphitheater am Rande des Großen Gartens gelegen. Malerisch schön, eine Mischung aus modern und modrig. Die Bühne für Butler und seine Gang ist bereitet.

Auch typisch Arcade Fire: Den Support bringt sich die Band gleich selbst mit. Owen Pallet, seit geraumer Zeit Live-Mitglied der Nordamerikaner, betritt die Bühne um 19 Uhr, nur bewaffnet mit Geige und Piano. In der nächsten Dreiviertelstunde fidelt und loopt der 34-Jährige was das Zeug hält, begeistert dabei mit beeindruckendem Sound sowie tollem Gesang und sorgt damit für eine außerordentlich kurzweilige erste Halbzeit des Abends. Ein Support, der durchaus der Rede wert ist.

Arcade Fire selbst haben sich verändert. Nicht nur musikalisch, auch optisch hat die „Reflektor“-Tour nicht mehr sonderlich viel mit früheren gemein. Die Bühne funkelt und blinkt, an der Decke hängen überdimensionale Spiegel, praktisch jedes Instrument reflektiert (wie passend) oder glitzert. Wenn dann auch noch Win Butler höchst selbst in hautengen Hosen und güldenem Sakko auf die Bühne flaniert, muss man sich zumindest kurz kneifen, um sich daran zu erinnern, dass diese Band vor zehn Jahren „Funeral“ veröffentlichte. Geglitzert hat damals noch überhaupt nichts.

Insgesamt rund 50 dieser extrovertiert anmutenden Instrumente stehen auf der Bühne und wollen bedient werden: Sage und schreibe zwölf Mitglieder zählt das Live-Line-up der Band. Was überladen wirken mag, macht insofern Sinn, als dass niemand zu irgendeinem Zeitpunkt überflüssig oder fehl am Platz wirkt. Jeder hat seine Aufgabe und wenn diese auch je nach Song einmal nur darin bestehen mag, mit Rasseln zu rasseln und dabei mit dem Hintern zu wackeln. Jedes Zahnrad greift ins andere, eine Formation, die ihr Handwerk versteht wie nur wenige andere. Dass der Sound in der Jungen Garde ausgesprochen klar und gut abgemischt klingt, tut sein Übriges.

Naturgemäß dominieren die Sounds von „Reflektor“ das Set, dicht gefolgt von „The Suburbs“. „Funeral“-Tracks werden sorgsam eingestreut, „Neon Bible“ dagegen fast komplett ignoriert. Schade auf der einen, nicht weiter tragisch auf der anderen Seite, denn gerade die neuen Tracks funktionieren live ganz hervorragend und zählen fast ausnahmslos zu den Highlights des rund 90-minütigen Sets. Da ist das rockige aber irgendwie dennoch verzweifelt schmachtende „It’s never over“, in dem Regine Chassagne auf einer Plattform in der Menge stehend ihren Win auf der Bühne ansingt. Oder der Opener „Reflektor“, der auch ohne David Bowie wunderbar nach 80er-Jahre Disco klingt. Oder das herrliche „Here comes the night time“, mit dem Arcade Fire in der Zugabe noch einmal alle Dämme brechen lassen.

Stichwort Bowie: Zwischen Hauptset und Zugabe schickt die Band ihre gefakten Alter Egos auf die Bühne. Eine Dame trägt dabei einen Videowürfel um ihren Kopf, auf dem Bowies Musikvideo zu „Heroes“ zu sehen ist. Dazu läuft die deutsche Version des wohl bekanntesten Tracks, der jemals in Berlin aufgenommen wurde. Es sind diese netten Ideen, die einen schmunzeln und das Konzert abseits der perfekten Leistung der Band zu etwas Besonderem werden lassen. Vielleicht ist es genau das, was stellenweise ein wenig zu kurz kommt. Butler und Co. spielen entfesselt und begeisternd, beschränken den Kontakt zum Publikum aber auf ein Minimum und präsentieren die meisten Songs optisch eher wenig kreativ. Andererseits wäre ein ins Publikum stürmender und auf Zäune kletternder Win Butler auch irgendwie unpassend gewesen. Mit diesem Sakko.

Das Konzert dauert kaum länger als ein WM-Vorrundenspiel und nachdem die letzten Töne von „Wake up“ verklungen sind und sich die Band verzogen hat, bleibt das Publikum ein wenig enttäuscht zurück. Enttäuscht, weil man diesen wundervollen Musikern noch viele Stunden hätte zuhören wollen. Hier liegt dann auch der Nachteil der Location. Mitten im Ort ist um 22 Uhr Schicht im Schacht, der Anwohner wegen. Was bleibt ist die pure Glückseligkeit und das herrliche Gefühl, die aktuell wohl beste Band der Welt hautnah erlebt zu haben.

Setlist:

  • Reflektor
  • Flashbulb Eyes
  • Neighborhood #3 (Power Out)
  • Joan Of Arc
  • Empty Room
  • The Suburbs
  • The Suburbs (Continued)
  • Ready To Start
  • Neighborhood # 1(Tunnels)
  • No Cars Go
  • Rococo
  • Afterlife
  • It’s Never Over (Oh Orpheus)
  • Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)
  • Normal Person
  • Rebellion (Lies)
  • Here Comes The Night Time
  • Wake Up
  • für CDstarts.de

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