Oasis The Sony Years

  • 24.01.2005
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Oasis - The Sony Years - News
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Ein Auto, das den steilen Berg der Genialität hochfahren möchte.

Wenn man die musikalische Qualität von Oasis metaphorisch darstellen möchte, dann wäre Oasis ein Auto, das den steilen Berg der Genialität hochfahren möchte. Zu Beginn sehr einfach, weil das Auto noch neu war, und mit „(What’s The Story) Morning Glory“ waren sie kurz vor der Bergspitze. Man war sich sicher, die Spitze zu erreichen und setzte deshalb einen Gang zurück – ein Fehler, denn das Auto rollt rückwärts den Berg herunter. Seitdem versuchen sie wieder die Spitze zu erlagen, doch da dieses Auto mittlerweile wesentlich älter ist, versucht man es langsamer, Schritt für Schritt. Trotzdem hat die Band mittlerweile 30 Millionen Alben verkauft.

Ähnlich wie Nirvana fiel die Band mit ihrer kritischen und aggressiven Haltung gegenüber den Missständen der Gesellschaft (Manchester ist nach wie vor eine Hochburg der Arbeitslosigkeit) aber auch gegen die Musik-Industrie zu Beginn der 90er auf. Doch zunächst begann alles mit der Gründung einer Schülerband. Mit Paul „Bonehead“ Arthers (Gitarre), Paul McGuigan (Bass) und Tony McCaroll (Drums) um sich, formierte Liam Gallagher (Gesang, *21. September 1972) 1991 eine Band bestehend aus Fans der Beatles, der Sex Pistols und von The Who. McCarroll und McGuigan spielten bereits bei ihrer vorigen Band Rain zusammen. Zu diesem Zeitpunkt war Liams älterer Bruder Noel (*29. Mai 1967) noch auf Tour, er war als Gitarrentechniker mit den Inspiral Carpets unterwegs. Unter Einwirkung der Mutter stieg Noel in die Band des kleinen Bruders ein, stellte aber absolutistische Forderungen nach dem Songwriter-Monopol und der Lenkung der musikalischen Entwicklung der Band. Auf einem der unzähligen Clubgigs hörte Alan McGee, Chef von Creation Records, die Jungs im Glasgower ‚King Tut’s Wah Wah Hut’ und nahm sie 1993 unter Vertrag. Am 11. April 1994 erschien dann die erste Single „Supersonic“, die sofort in die Top 40 ging. Oasis-Gigs waren längst keine Geheimtipps mehr sondern Events.

Die Single ‚Live Forever’ brachte den nötigen Durchbruch um das am 30. August erschienene Album „Definitely Maybe“ wurde zu dem am schnellsten verkaufte Debütalbum aller Zeiten zu verhelfen. Oasis schlugen damit sogar die Beatles. Mit seinen einfachen, geradlinigen und melodiösen Liedern schuf Noel Gallagher u.a. Klassiker der 90er Jahre wie „Live Forever“. Doch der Erfolg brachte auch seine Schattenseiten und die war in den wachsenden Egos der Gallagher-Brüder deutlich zu spüren. Noel sah Oasis immer als seine Band an, denn er schrieb die Lieder, er produzierte die Songs und er begab sich auf Interview-Tour, während Liam Oasis als seine Band ansah, weil er der Frontmann und Sänger ist. Die nötige Konsequenz zog Noel auf der Amerika-Tour, als er die Band verließ – die Medienschlacht hatte begonnen. Oasis machten mehr Schlagzeilen mit ihren Ein- und Ausstiegen und der alkohol- und drogengetränkten Exzesse, als mit ihrer Musik. Das änderte sich auch nicht mit dem Brit-Award und dem zweiten Album „(What’s The Story) Morning Glory“, dass bereits am 2. Oktober 1995 erschien. Der Band gelang mit dem Album nicht nur der internationale Durchbruch (Top 10 in den USA) und auch nicht nur das am zweithäufigsten verkaufte Album UKs, nein, es hat auch wieder eine Vielzahl an Klassikern der 90er Jahre, an dessen Spitze „Wonderwall“ steht, eine Anspielung auf das Wort, das John Lennon immer statt wonderful sagte. Es war der internationale Durchbruch und die Gallagher-Brüder wurden zum Mittelpunkt der britischen Presse fokusiert. Sogar ein Beatles-Rolling Stones-Battle wird von ihnen angezettelt, als Oasis und Blur eine Single am gleichen Tag veröffentlichen. Die Protagonisten beider Bands stiegen sofort mit ein und fielen in den Printmedien übereinander her. Das Ende ist ein Unentschieden. Blurs „Country House“ war zwar wesentlich erfolgreicher als „Roll With It“, doch langfristig ist Oasis kommerziell wesentlich erfolgreicher. Oasis werden deshalb als Flagschiff des Britpops tituliert.

Hingegen war das Ende der internen Streitereien noch längst nicht in Sicht. Sogar am Vorabend der Veröffentlichung von „(What’s The Story) Morning Glory“ verließ Tony McCaroll die Band und wurde durch Alan White ersetzt. Die Stimmung in der Band war sogar so schlecht, dass letztlich sogar die Amerika-Tour abgebrochen werden musste. Offiziell hieß es, man wolle sich lieber auf das dritte Album konzentrieren. „Be here now“ erschien am 21. August 1997 und brauchte somit wesentlich mehr Studiozeit als seine beiden Vorgänger. Das Ergebnis ist ein Album, das so mächtig mit Gitarren arrangiert ist, dass es viel zu dick und überladen wirkt. Dazu kommen die schwachen Songs, die nicht an die Qualität der vorigen Songs kommen. Das störte den Erfolg allerdings nicht und auch dieses Album stieg in die Charts, wenn auch nicht so erfolgreich wie die anderen beiden Alben. Erstmals gab es einen berühmten Gaststar: Johnny Depp durfte die Slide-Gitarre auf „Fade In-Out“ spielen. Aufgrund der außergewöhnlich guten Qualität der B-Seiten der Singles entschied man sich die besten am 2. November 1998 auf „The Masterplan“ zu veröffentlichen. Songs wie „The Masterplan“ oder „Talk Tonight“ erinnerten noch einmal an die guten alten Songs von Noel Gallagher.

Für das geplante vierte Album wurde Mark Stent als Prodzent engagiert. Er war bereits mit U2, Madonna, Massive Attack und den Spice Girls im Studio und schien eine wesentlich bessere Wahl als Owen Morris zu sein, weil die Freundschaft zu dem ehemaligen Produzenten zu wenig ertragreich gewesen war. Die Hoffnungen auf ein erneut grandioses Album wuchsen. Doch kurz nachdem 1999 die Arbeiten an dem Album fertig gestellt wurden, verließen Bonehead und McGuigan ohne genannten Grund die Band. Es schien wie ein Arbeitsvertrag, den der Gitarrist und der Bassist nicht verlängern wollten. Sie wurden durch „Gem“ Colin Murray Archer (früher Heavy Stereo) an der Gitarre und Andrew Piran Bell (Ex-Songwriter, Produzent, Gitarrist und Keyboarder bei Ride und Hurricane #1“) am Bass ersetzt. Zu den üblichen Streitigkeiten zwischen den Gallagher-Brüdern kommt eine neue Besetzung, die eine neue Platte (VÖ 28.2.00) live promoten muss, aber live noch nicht eingespielt genug ist, den „Standing On The Shoulder Of Giants“ wurde ja noch von der alten Besetzung eingespielt. Der Ruf als schlechteste Live-Band der Welt eilte ihnen spätestens seit dem Rock am Ring-Festival 2000 voraus. Dennoch wurde das Abschlusskonzert im Londoner Wembley Stadion aufgezeichnet und erschien unter dem Titel „Familiar To Millions“ als Live-Album und Live-DVD am 13. November des gleichen Jahres. Es ist ein Zeugnis von langweilig vorgetragenen Songs, die (fast) alle mal großartig waren. Die Songs auf dem vierten Album sind gegen zwischen erstaunlich gut und absolut banal. Es ist bis jetzt das psychodelischte Album, das die Band je gemacht hat.

Der Titel bezieht sich auf das bekannte Zitat von Issac Newton („If I see farther than others, it is because I am standing on the shoulders of giants“), das auf der Zwei-Pfund-Münze steht. Noel sah diese nach einer durchzechten Nacht und schrieb den Titel alkoholisiert auf seine Zigarettenschachtel. Am nächsten Morgen las er diese Worte wieder, allerdings schrieb er nicht „shoulders“, sondern „shoulder“ und auch nicht „album title“, sondern „ a bum title“ (=“Arsch-Titel“). Das musikalische Verständnis, das Noel mit diesem Zitat andächtig preisgibt, ist typisch für Oasis: Oasis stehen auf den Schultern ihrer Giganten, wie The Beatles und Stone Roses, kombinieren diese Musik mit ihrem eigenen Talent und sind so wesentlich weitsichtiger als viele ihrer Konkurrenten. Eine große Neuerung besteht aber dennoch darin, dass es nun ein neues Oasis-Logo gibt. Das erste Stück, das Liam für Oasis geschrieben hat, heißt „Little James“ und gehört zu den banaleren Stücken.

Dagegen sind die Singles „Go Let It Out“, „Who Feels Love“ und „Sunday Morning Call“ schöne Oasis-Klassiker und mit Noels Gesang bei „Sunday Morning Call“ auch mal eine angenehme, wenn auch manchmal etwas zu perfekt wirkende Stimme. In „Where Did It All Go Wrong“ lässt Noel sein Leben revue passieren und fragt sich darauf, wann es anfing, dass alles schief läuft. Episch endet das Album mit „Roll It Over“. SOTSOG ist ein erster Lichtblick, wenn auch noch keine neue Hoffnung. Dass wusste der Chefsongwriter auch selber, als das Album seinen Weg in die Plattenregale fand. Aber der ältere Gallagher befand sich selbst im Wandel. Nicht nur, dass er am 27.1.2000 Töchterchen Anais bekam, auch die Drogeneinnahmen und der Freundeskreis wurde geringer, was zweifelsohne zusammenhing: Auf einer Party, auf der er sich nicht mit Drogen und Bier zudröhnen wollte, sah er plötzlich, wer diese Freunde von ihm sind und dass er sie überhaupt nicht leiden kann. „Where Did It All Go Wrong“ handelt genau von diesem Thema und von da an heißen seine Drogen nur noch „Cigarettes & Alcohol“.

Mit dieser Veränderung und mit völlig neuem Elan erschien bereits zwei Jahre später „Heathen Chemistry“ und ließ die Kritiker wieder aufhorchen. Nicht nur, dass Songwriterchef Noel sein Posten mit den Bandkollegen teilt, auch die Musik klingt wesentlich frischer. Liam schrieb das großartige „Songbird“, „Born On A Different Cloud“ und „Better Man“. Gem schrieb mit „Hung In A Bad Place“ ein Stück, dass Noels Liedern würdig gegenüberstehen kann und Andy machte mit dem instrumentalen „A Quick Peep“ seiner Ride-Vergangenheit alle Ehre. Aber auch Noel stieg zu neuen Höhen auf und schrieb „Force Of Nature“ und „Little By Little“, Songs die so noch nie von Oasis kamen. „Stop Crying Your Heart Out“ und „She Is Love“ gehören zudem zu den größten Oasis-Songs, die bis jetzt das Licht der Welt erblickten. Es sollte der Beginn einer neuen Oasis-Ära werden, doch dummerweise erschien Monate zuvor das Album im Internet und läutete wieder Probleme ein. Gerüchten zufolge soll Drummer Alan White Schuld an der frühen Veröffentlichung sein. Aber vor allem wegen seiner Unzuverlässigkeit im Studio verlor er Anfang 2004 seinen Posten in der Band.

Ersatz wurde nach einiger Zeit in Zak Starkey gefunden. Der Sohn von Ringo Star gilt in dem UK als einer der besten Drummer und spielte vorher bei The Who. Dort wurde er vor Pete Townshends eingeschnappter Mime weggekauft. Der The Who-Sänger sieht dies als Grund das lang erwartete The Who-Album wieder zu verschieben. „Als sei dies je geplant gewesen“, kontert Noel Gallagher auf seiner Promo-Tour zu seiner neuen CD „Don’t Believe The Truth“, auf der der Zak Starkey auf fast allen Tracks trommelt. Er ist jedoch immer noch kein offizielles Bandmitglied. Das Album hat mit dem Rausschmiss von Alan White eine noch nicht ganz zu Ende erzählte Geschichte: Zunächst sollte das Produzenten-Team „Death In Vegas“ die Fäden in die Hand nehmen. Der Versuch mit den Experten für elektronische Musik ins Studio zu gehen scheiterte an Noels Unzufriedenheit. Also entließ man die Herren kurzerhand, um alle Songs noch mal von vorne anzufangen. Dave Sardy und Noel Gallagher zeichnen sich nun für die Produktion der Songs aus. Das Album ist sehr 60s-lastig. „Guess God Thinks I’m Abel“ wäre eigentlich ein klassischer überladender Oasis-Rocksong, doch die Jungs machten daraus eine Akustisch-Nummer. Hingegen klingt „Mucky Fingers“ als wäre Bob Dylan der Sänger von Velvet Underground.

Das Problem, das alt eingesessene Fans von Oasis bei „Don’t believe the truth“ sehen, existiert nicht direkt auf lyrischer oder musikalischer Ebene. Es geht vielmehr darum, dass dem Album die magischen Stellen fehlen. Magische Stellen, wie sie Elliott Smith erschuf, wie sie Morrissey immer wieder schafft und wie sie Noel Gallagher perfektionierte. Er ist unangefochten der Meister dieser Stellen und macht damit Oasis zu einer Band, wie Led Zeppelin, in der ein Riff, ein Vers oder eine kleine Stelle die ganze musikalische Wahrnehmung verändern kann und man sich plötzlich mitten in der Musik wieder findet. Die Gänsehaut beim Refrain zu „Stop Crying Your Heart Out“, die Freiheit, wenn Liam „Maybe“ („Live Forever“) singt und das Gemeinschaftsgefühl bei „Don’t Look Back in Anger“. Von „Wonderwall“ muss man da gar nicht erst anfangen. All diese Gefühle fehlen beim Anhören des sechsten Albums. Einzig „Keep The Dream Alive“ hat diese Eigenschaft noch und zählt deshalb zum besten Song des Albums. Fragwürdig ist bloß, wieso es so gute Songs wie „Solve My Mystery“ und „Stopping the Clocks“ nicht auf das Album geschafft haben. Vielleicht sind das Songs, die nicht mehr für die Sony-Jahre gedacht sind. Für Oasis ist das Album kein Beinbruch, das war keines und wird nie eines sein. Hochmut kommt bei Oasis nicht nur nach, sondern auch vor und während des Falls.

für CDstarts.de

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