Scorpions Der Stachel ist noch immer spitz

  • 26.12.2015
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50 Jahre Scorpions. Acht Deluxe-Re-Releases zum Jubiläum.

Hannover. Wir schreiben das Jahr 1991. Die Band hat mit der Ballade „Wind of change“ (02/1991) ihren größten Singlehit und mit „Crazy World“ (11/1990) ihren bis dato erfolgreichsten Longplayer auf dem Markt, die sich bis heute zusammen rund 25 Millionen Mal verkauft haben. Promotet wird das Ganze von der „Crazy World Tour“, die vom 25. November 1990 bis zum 7. Dezember 1991 um den Globus zieht und dabei auch am 2. und 3. November 1991 im heimischen Hannover Halt macht. Dort wird eine der Messehallen bespielt, vor der sich ein Publikum tummelt, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Rocker in Lederjacken, Metal-Fans mit Jeans-Kutten, Spät-Hippies und ganze Familien, die von der Ballade „Wind of change“ angelockt wurden, so gar nicht wissend, was sie erwartet und ob des gemischten Publikums mehr oder weniger fragend-doofe Gesichter machen.

Die Vorgruppe, Tesla aus den USA, ersparen sich die meisten Nicht-Rocker. Zu laut, zu schlechter Sound, zu unbekannt. Man wartet auf die netten Balladen-Onkel aus der Landeshauptstadt, die in der Messehalle ungewöhnlich nah an der Bühne steile Tribünen haben aufbauen lassen, auf denen sich, nachdem Tesla endlich verschwunden waren, insbesondere die vielen angereisten Familien tummeln. Als es in der Messehalle dunkel wird und der Vorhang fällt, steigt die Vorfreude. Doch dann erleben die nur wegen „Wind of change“ auf das Konzert gekommenen Besucher ihr blaues Wunder. Die Scorpions legen in ohrenbetäubender Lautstärke los als gäbe es kein Morgen und pressen die Menschen auf der Tribüne mit infernalischem Schalldruck tief in die Sitzbänke hinein. Ratlose Gesichter und panische Versuche, sich Taschentücher in die Ohren zu stopfen, helfen nichts. Willkommen auf einem Konzert der Hardrock-Band Scorpions. Kindergeburtstage werden gefälligst woanders gefeiert!

Auch wenn sich die Scorpions in den 90er Jahren, nach ihrem Schmusehit und dem Millionenseller „Crazy World“, in einem musikalisch stark veränderten Markt lange Zeit nicht zurechtgefunden und - das wird die Band wohl auch selbst zugeben müssen - einiges an Grütze produziert haben, stehen die Hannoveraner wie keine zweite Band für deutschen Hardrock, der sich international durchgesetzt hat. Den Grundstein dazu legten sie in den frühen 70er Jahren mit Alben wie „In Trance“ (1975) und „Virgin Killer“ (1976), während der große kommerzielle Erfolg mit Werken wie „Blackout“ (1982) und „Love At First Sting“ (1984) kam.

Trotz der künstlerischen Durststrecke, die sich fast über ein Jahrzehnt schleppte, haben die Scorpions nicht nur durchgehalten, sondern auch wieder die Kurve zu einer im Studio sehr soliden Hardrock-Band bekommen, die live noch immer alles in Grund und Boden rockt. Deshalb wurde der groß verkündete Rücktritt auch wieder abgeblasen und die Karriere kurzerhand fortgesetzt, sodass nun ein Jubiläum gefeiert werden kann: 50 Jahre Scorpions! Für dieses Jubiläum haben sich Klaus Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs aus dem umfangreichen Backkatalog acht Album-Klassiker aus der prägenden Zeit von 1977 bis 1988 herausgegriffen und mit Demos, Live-Stücken, neuen Booklets, raren Fotos und Bonus-DVDs amtlich aufgemotzt.

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„Taken By Force“ (1977)
Die Jubiläums-Retrospektive der Scorpions greift mit „Taken By Force“ mitten ins Geschehen ein. Denn zuvor hatte die Band bereits vier Alben in fünf Jahren auf den Markt gebracht und sich damit bereits erste internationale Meriten abgeholt. Mit „Taken By Force“, dem letzten Album, auf dem der Gitarrist Uli Jon Roth zu hören ist, wird demnach der Abschluss und der Beginn einer Ära zelebriert. Roth schien sich bereits bei der Produktion des Albums etwas zurückgezogen zu haben, auch wenn er mit „I’ve got to be free“, „Your light“ und allen voran „The sails of Charon“ noch einmal tief in seine Kompositionstrickkiste gegriffen hatte. Die jetzt vorgelegte remasterte Version enthält sechs Bonus Tracks, bei denen es sich bis auf die Single-B-Seite „Suspender love“ um Demo-Aufnahmen handelt.

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„Tokyo Tapes“ (1978)
Auf „Tokyo Tapes“, dem ersten Live-Album der Scorpions, gab Uli Jon Roth seinen angekündigten Abschied. Die Songs des Longplayers entstammen den Auftritten am 24. und 27. April 1978 in der Sun Plaza Hall in Tokio, Japan, und wurden ursprünglich als Doppelalbum auf den Markt gebracht. In der späteren CD-Ausgabe fehlte dagegen ein Song, sodass „Tokyo Tapes“ auf einen einzigen Silberling passte. Das Werk berücksichtige Songs aller veröffentlichten Studioalben, wobei der Fokus auf den beiden zuletzt rausgebrachten Werken lag. Für den neuerlichen Re-Release wurde die Songreihenfolge wieder der Doppel-Vinyl-Version angeglichen, wodurch „Robot man“ auf die zweite CD mit dem Bonusmaterial wanderte, unter dem sich weitere, bis dato unveröffentlichte Live-Mitschnitte aus Japan befinden.

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„Lovedrive“ (1979)
Auf „Lovedrive“ gab ein gewisser Matthias Jabs seinen Einstand als Gitarrist. Allerdings war auch Urmitglied Michael Schenker auf drei Stücken an der Gitarre zu hören. Ähnlich wie bei „Virgin Killer“ sorgte das Album-Cover für einen Wirbel und damit für geschickte, kostenlose Werbung. Die Scorpions fassten sich auch für „Lovedrive“ traditionell kurz und hielten die Spielzeit deutlich unter 40 Minuten. Dadurch enthielt das Album zwar nur acht Tracks, darunter aber Stücke wie „Holiday“, „Another piece of meat“ oder auch „Is there anybody there?“, die sich zu Meilensteinen im Live-Programm etablieren sollten. Insgesamt war den Songs die Veränderung an der Position des Lead-Gitarristen klar anzuhören, sodass es zu „Lovedrive“ deutlich mehr Redebedarf gibt, der auf dem vorliegenden Re-Release durch eine Bonus-DVD mit der Dokumentation „The Story Of Lovedrive“ sowie einem Live-Konzert gestillt wird.

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„Animal Magnetism“ (1980)
Mit „Animal Magnetism“ waren die Scorpions in den 80er Jahren angekommen. Der Vorgänger „Lovedrive“ etablierte die Hannoveraner auch in den USA, die sie daraufhin eifrig betourten. Dies spiegelte sich in den Songs und der Produktion des Nachfolgers wider. Zwar vertrauten die Scorpions weiterhin auf ihren Stammproduzenten Dieter Dierks, doch es war nicht zu verbergen, dass die Songs diesmal etwas düsterer und rauer klangen und bis auf „The zoo“ große Hymnen fehlten. Ansonsten blieben die Herren ihren Traditionen treu: Kurze Spielzeit unter 40 Minuten und ein Album-Cover, das mit seiner Zweideutigkeit auffiel, aber diesmal nicht zensiert bzw. ausgetauscht werden musste.

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„Blackout“ (1982)
Mit „Blackout“ knackten die Scorpions nicht nur die Top 10 in den USA sowie im heimischen Deutschland. Das Werk war in nahezu allen wichtigen Märkten erfolgreich und liegt bis heute bei rund sechs Millionen verkauften Einheiten. Ein Grund dafür waren die zahlreichen Hits wie „Blackout“, „Dynamite“, „No one like you“ und „Can’t live without you“, aber auch das magisch anziehende Covermotiv von Gottfried Helnwein (Stichwort: Gabeln in den Augen…). Die dramatische Entstehungsgeschichte des Albums erfordert auch hier eine Bonus-DVD mit Dokumentation und beigefügtem Live-Konzert aus der Dortmunder Westfalenhalle, ergänzt um vier Demo-Versionen und zwei Videos.

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„Love At First Sting“ (1984)
Das im März des Jahres 1984 auf den Markt gebrachte „Love At First Sting“ bedeutete den endgültigen Durchbruch im ganz großen Stil. Auf dem Cover gab es wieder einmal nackte Haut zu sehen (das Schwarz-Weiß-Motiv stammt von Helmut Newton), weshalb es in den USA zensiert wurde und Dieter Dierks holte aus der Band erneut eine knackige Sammlung an Hits heraus. „Bad boys running wild“, „Rock you like a hurricane“, „Coming home“, „Big city nights“, „Still loving you“ - mehr muss nicht gesagt warden, um zu verstehen, dass „Love At First Sting“ das zentrale Werk in der Karriere der Scorpions darstellt. Es war noch melodiöser und noch eingängiger als der Vorgänger und die perfekte Grundlage für eine ausgedehnte Tournee, die dringend für die Nachwelt festgehalten werden musste. Der Re-Release von „Love At First Sting“ ist dem Status des Albums gerecht am umfangreichsten und bietet neben fünf Demos noch eine Bonus-Live-CD und eine zusätzliche DVD mit Videoclips, TV-Auftritten und der obligatorischen Dokumentation zur Entstehung des Longplayers.

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„World Wide Live“ (1985)
Ein Album wie „Love At First Sting“, das eine gigantisch-erfolgreiche Tournee nach sich zog, musste einfach in Form eines Live-Longplayers dokumentiert werden. Die Band war in der Form ihres Lebens und kostete diesen Umstand, gekoppelt mit dem immensen Erfolg, aus. Ihre Konzertreise zog sich von Januar 1984 bis September 1986 hin und mittendrin wurde mit „World Wide Live“ das zweite Live-Werk der Scorpions auf den Markt gebracht. Ein genialer Schachzug. Live-Stücke wie „No one like you“ oder auch „Still loving you“ liefen im Radio rauf und runter, die Stadien auf der ganzen Welt waren ausverkauft und der Hörer konnte diese Energie in 19 Stücken des Doppelalbums in sich aufsaugen. Während „Tokyo Tapes“ noch aus zwei Auftritten zusammengestellt war, wurde „World Wide Live“ aus sechs verschiedenen Konzerten montiert, was der grandiosen Atmosphäre aber nicht schadete. Auch deshalb gehört „World Wide Live“ zu den beliebtesten und meistverkauften Live-Alben aller Zeiten.

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„Savage Amusement“ (1988)
Nachdem die Scorpions mit „Love At First Sting“ (03/1984) mehr als 2½ Jahre auf Tour waren, dauerte es somit insgesamt vier Jahre bis zum nächsten Studioalbum „Savage Amusement“ (04/1988). Es ist das zehnte Studiowerk der Hannoveraner und das letzte, das zusammen mit Stammproduzent Dieter Dierks entstanden ist. Der Vertrag zwischen Dieter Dierks und den Scorpions lief aus und die Arbeit an „Savage Amusement“ war alles andere als harmonisch. Obwohl das Album nicht überall auf Gegenliebe stieß und allgemein als zu glatt kritisiert wurde, konnten die Scorpions ihre Erfolgsserie fortsetzen. „Savage Amusement“ verkaufte sich bis heute respektable fünf Millionen Mal und auch die Tournee geriet mit 12 Monaten wieder zu einem Dauerbrenner. Zwar warf das Werk mit „Rhythm of love“ nur einen echten Hit ab, aber es sollte nicht mehr lange dauern, bis die Scorpions Anfang der 90er Jahre auf ihrem kommerziellen Zenit ankommen sollten, der sie danach jäh abstürzen ließ. Eine merkwürdige Mischung aus Alternative Rock und Balladen hatte den klassischen Hardrock der Hannoveraner verwässert, die bis Mitte der Nullerjahre brauchten, um aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen.

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für CDstarts.de

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