Noise lebt!

  • 05.05.2016
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Noise-Records-Gründer Karl-Ulrich Walterbach im Interview zur Wiederbelebung des Labels.

Das Label Noise Records bringt verteilt über den Monat Mai 2016 eine Reihe von Best-of-Samplern von acht ihrer einstmals besten Pferde im Stall (Helloween, Kreator, Grave Digger, Tankard etc.) neu auf den Markt. Ebenfalls sollen klassische Alben von Bands wie Celtic Frost, Voivod oder auch Coroner mit aktuellen Liner-Notes und seltenem Bonusmaterial wiederveröffentlicht werden. Was sich erst mal nicht sonderlich spannend anhört, verbirgt allerdings ein paar spannende Anekdoten.

CDstarts: Du warst knapp 30 Jahre alt, als du Noise Records gegründet hast. Wie kamst du auf die Idee? Schließlich dürfte die Vorstellung, ein Label zu besitzen, weit romantischer sein, als es der Alltag tatsächlich ist, oder?

Karl-Ulrich Walterbach: Ich hatte von 1980 bis 1982 das Punk-Label Aggressive Rockproduktionen mit Bands wie Slime, Daily Terror, Toxoplasma, Misfits, Black Flag etc. gemacht und der Gitarrist von Black Flag, Greg Ginn, war ein Metal-Fan und wir haben immer wieder über diese Musik diskutiert, die mir unvertraut war. Ich hasste Stadion-Rock und Hardrock mochte ich auch nicht. Aber dann stolperte ich in Los Angeles Anfang ‘83 sozusagen über die neue Thrash-Szene und nach meiner Rückkehr nach Deutschland ging ich auf Band-Suche in einer relativen Wüste: Keine Magazine, kaum Bands, keine Szene. Nur Scorpions und Accept.

CDstarts: Wie muss man sich so eine Label-Gründung vorstellen? Idealismus, ein paar helfende Hände, Mamas Sparbuch und ein kleines Hinterzimmer oder Realismus, angestellte Mitarbeiter, großer Bankkredit und stylische Büroräume?

Da ich das sehr erfolgreiche Punk-Label AGR gemacht hatte, war Geld kein Problem. Die Budgets waren ohnehin in der Noise-Anfangsphase eher „Punk Budgets“ und Promo kostete wenig, da so gut wie keine Medienstruktur existierte. Die neuen Trendbands verkauften sich von selbst. Da waren viele unversorgte Kids, da die Majors in Europa Metal ignorierten.

CDstarts: Noise Records ging 1983 an den Start. Es war das goldene Zeitalter des Heavy Metal mit all seinen stilistischen Ausprägungen. Herrschte damals Goldgräberstimmung oder war es die reine Liebe zur Musik, die dich antrieb?

Ich hatte ja schon ein Büro und die Punk-Verkäufe sanken, da die NDW durch die großen Plattenfirmen gehypt wurde. Ich musste also ein neues Musikumfeld finden. Diese Notwendigkeit paarte sich mit meinem Interesse an diesen extremen Thrash-Bands der West Coast. Ich hätte Noise bestimmt nicht gemacht, wenn ich mit der Musik nichts hätte anfangen können. Ich wollte nie Waschmittelverkäufer sein, also beliebige Produkte unters Volk bringen. Ich verstehe mich als gesellschaftlicher Außenseiter, Outlaw-Ideen haben mich immer fasziniert und Pop und anderen Mainstream-Mist lehne ich für mich ab.

CDstarts: Du hast unglaublich viele Bands unter Vertrag genommen, die heute absoluten Kultstatus genießen. Woher kam der gute Riecher für Bands mit Langzeit-Potenzial?

Ich glaube, das nennt man in unserer Branche den „Riecher“. Zur Erklärung: Ich spiele kein Instrument, kann keine Noten, es war immer das Bauchgefühl entscheidend und natürlich meine sogenannte „sozio-kulturelle Sensibilität“. Will heißen: Die ganzen 70er habe ich mich als radikaler Außenseiter mit sogenanntem Sponti-Background in Kreuzberg bewegt, in Kommunen gelebt, Wohnungen besetzt, die direkte Aktion kleiner revolutionärer Zellen geübt, freie Liebe praktiziert, philosophiert und versucht zu begreifen, was Menschen zum Ticken bringt. Zu guter Letzt half es, sich von der linken Gut-Menschen-Ideologie zu befreien und Triebe und Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Unsere „Bibel der Rebellion“ war dann Raoul Vaneigems „Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen“ und Guy Debors „Gesellschaft des Spektakels“.

CDstarts: Gibt es Bands, deren Bedeutung du für Noise Records besonders herausstellen würdest?

Helloween und (mit gemischten Gefühlen) Celtic Frost.

CDstarts: Gab es Bands, hinter denen du her warst, aber die du niemals unter Vertrag bekommen hast?

Ja, da gab es insbesondere zwei: Doro Peschs Warlock und System Of A Down. Bei ersteren war ich zu spät, da der „Metal Hammer“-Redakteur Charly Rinne schon dran war und bei System Of A Down war ich frühzeitig genug dran, aber mitten in die Verhandlungen tauchte dann Rick Rubin von Def Jam auf - und das war's dann.

CDstarts: Ohne unbedingt Namen zu nennen: Gab es auch Signings, die völlig in die Hose gegangen sind, zum Beispiel, weil die Band in Sachen Promotion nicht kooperativ war oder die Musik bzw. ein Album beim Publikum wider Erwarten überhaupt nicht ankam?

Einer meiner Superflops war die Hannoveraner All-Girl-Band Rosy Vista, die vom damaligen Scorpions-Manager betreut wurde. Technisch waren die Mädels einfach nicht reif fürs Studio. Das war so 1984/85. Die Sängerin bekam dann noch Magersucht und das war letztlich der Todesstoß. Die EP war der totale Flop und hat mehr gekostet, als jede meiner vorangegangenen Noise-Platten. Ein anderer noch größerer Flop kam Mitte der 90er. Den hatte ich allerdings nicht zu verantworten. Ich war in den USA wegen des Aufbaus eines Noise-Büros in Los Angeles. Mein damaliger A&R-Mann in Berlin wollte unbedingt die Band Shihad aus Neuseeland signen. Es war die Zeit des Crossover, Grunge und Alternative Rock. Der Metal war in der Krise. Eine schwierige Zeit. Das war sein erstes Signing und wir schickten die Band als Support mit Faith No More auf Europa-Tournee. 25 Auftritte mit vier- bis fünftausend Besuchern pro Show. Das Ergebnis: 500 verkaufte Scheiben. Der Horror.

CDstarts: Hast du im Laufe deiner Noise-Records-Zeit irgendwelche Trends verschlafen oder bist du einem Trend hinterhergerannt, worüber du dich im Nachhinein geärgert hast?

Ganz sicher habe ich nicht bei Black und Death Metal mitgemacht, als es sich im Untergrund in den frühen 90ern als Genre etablierte. Klar, ich habe Hellhammer (Vorgänger-Band von Celtic Frost – die Red.) gemacht und auch Bathory und Messiah, aber das war vorher. Ich mochte diesen fürchterlichen „Gesang“ nie und vertrete nach wie vor die Meinung, dass eine Stimme Text-Inhalte rüberbringen sollte. Und dann wird mir übel bei diesem kindischen Satanismus-Kult.

CDstarts: Gibt es im Zusammenhang mit einer Noise-Records-Band eine total verrückte Geschichte, die du uns erzählen kannst?

Sex und Rock’n’Roll. Das gehörte in meinem Verständnis immer zusammen und von diesem Spirit existierte in Deutschland nichts. Keine Groupie-Szene zum Beispiel. Zu viele pubertierende Kutten-Jugendliche. Und dann schaute ich zufällig den Film „The Decline Of The Western Civilisation: The Metal Years“ (der Titel könnte auch von mir stammen…). Und der rote Faden ist Sex! Ein Typ namens Nadir D'Priest brachte es dort gut auf den Punkt. Und tatsächlich landete dieser Typ irgendwann Mitte der 80er bei mir im Büro - in Person!!! Ein toller Typ: 1,90m groß, schlank, schwarz-blaue, lange Haare, indianische Abstammung, exotisch, gutaussehend, ein absoluter Frauentyp. Ich mochte ihn. Also hat er mit seiner Band London im Roxy auf dem Sunset Strip eine Show für mich angesetzt, die ich mit meinem englischen Noise-Label-Chef Andrew Ward besuchte.

Im Publikum trieb sich auch die Braut von Joey Tempest (Sänger der schwedischen Rockband Europe - die Red.) mit ihrer Stylistin rum, die mir schon in meinem Hotel Sunset Marquee (ein Musiker-Insider-Hotel vom Feinsten) aufgefallen war. Und nach der Show - mich traf der Hammer! - sah ich sie auch im Backstage-Bereich, total fixiert auf D'Priest, der natürlich die üblichen Flirt-Spielchen abzog und dabei seine österreichische, platinblonde Sexbombe (ein Hammer-Typ! Ideal für eine „Penthouse Pet Of The Year“-Nomination) links liegen ließ. Ich hatte natürlich längst ein Auge auf sie, aber da ich ja mit D'Priest dealen wollte, kam das nicht mehr in Frage. Ich Idiot! Mein UK-Manager, eine unattraktive rollende Kanonenkugel, sah das anders und nutzte ihre Rachegefühle skrupellos aus.

Plötzlich waren beide verschwunden. Und D'Priest, die Europe-Girls und meine Wenigkeit landeten in meiner Hotel-Suite. Na ja, auch keine schlechte Alternative, dachte ich. Fehlanzeige: D'Priest war so aufgeladen wegen meines Interesses an ihm und wegen des Alkohols, dass er irgendwann in typischer Rock‘n’Roll-Manier den Fernseher aus dem Fenster warf und die schwedischen Mädchen fluchtartig den Raum verließen. Dieser Scheißabend blieb mir noch lange in Erinnerung. Mein UK-Assistent hatte natürlich bei der Sexbombe nichts anbrennen lassen und damit alles reibungslos ablief, sogar auf Noise-Kosten einen Ferrari angemietet. Die Folge: Ich habe ihn rausgeschmissen. Irgendwie musste ich den Frust ja loswerden!

CDstarts: Noise Records erwacht 15 Jahre nach dem Verkauf an die inzwischen aufgelöste Sanctuary Group zu neuem Leben. Wie ist es dazu gekommen? Was steckt dahinter? Gibt es langfristige Pläne?

Also, ich bin da raus. Der Laden wurde ja verkauft. Ich helfe hier nur bei der Promo. Noise ist ja ursprünglich mein Baby und damit auch meine Geschichte der 80er und 90er Jahre. BMG (BMG Rights Management ist eine auf das Management von Musikrechten spezialisierte internationale Gruppe von Musikfirmen - die Red.) macht hier schlicht und einfach eine Auswertung, nachdem Universal vorher auf den Rechten gesessen hatte.

CDstarts: Als Appetizer bringt Noise Records eine Reihe von acht „Best of“-Label-Compilations auf den Markt. Wir möchten dich um einen kurzen Kommentar zu jeder Band hinsichtlich der Bedeutung für dich und/oder das Label bitten:

Kreator: Die konstanteste Noise-Band, mit einem sehr sympathischen Frontmann (Mille Petrozza - die Red.), die über die lange Zeit gewachsen ist und ihren Erfolg voll verdient.

Lest hier die Besprechung von „Love Us Or Hate Us: The Very Best Of The Noise Years 1985-1992“

Helloween: Meine Superstars. Weltweit eine Million verkaufte Alben alleine von „Keeper Of The Seven Keys Part II“ (1988). Klar, zieht das Räuber an. In diesem Fall die korrupte englische EMI und das Sanctuary Management von Iron Maiden. Die „Operation Bandkontrolle“ wurde von diesen Banditen nach klassischem Muster durchgezogen. Die Band wurde mit Girls, Drogen, Geld und Versprechungen geködert und ich wurde mit Prozessen überzogen. Was nicht geplant war, dass ich mich wehrte! Hatte doch der damalige persönliche Manager der Band, Limb Schnoor, ganz schnell kleinbeigegeben, erwartete man von mir ähnliches. Da ich aber ein Kämpfer bin, kam alles anders.

Nach zwei Jahren, diversen Prozessen und 750.000 D-Mark Kosten, hatte ich in der letzten Instanz gewonnen und der Scherbenhaufen war angerichtet. Wer kennt nicht Weikaths Unglücksalbum „Pink Bubbles Go Ape“? Klassischer Musiker-Selbstmord (auf dem 1991er Album begannen Helloween nach dem Ausstieg von Gitarrist Kai Hansen, verantwortet von Gitarrist Michael Weikath, zu experimentieren und stießen damit viele ihre alten Fans vor den Kopf. Zudem hatte Noise Records für das Album ein deutschlandweites Veröffentlichungsverbot durchgesetzt, das erst 1992 aufgehoben wurde - die Red.).

Lest hier die Besprechung von „Ride The Sky: The Very Best Of 1985-1998“

Kamelot: Thomas Youngblood (Gitarrist von Kamelot - die Red.) als Kopf ist ein kluger Stratege. Er hat die Band langfristig aufgebaut. Das war nicht einfach, da diese Art von „Melodic Metal meets Gothic“ keine große Szene in den Staaten hatte. Respekt!

Lest hier die Besprechung von „Where I Reign: The Very Best Of The Noise Years 1995-2003“

Sinner: Ich habe Mat Sinner (Bandkopf, Sänger und Bassist - die Red.) nie gemocht und fand ihn immer unangenehm und nervend. Sein Hardrock gefiel mir nie. Die Band kam über meinen Verlagspartner, den Wintrup Verlag, der mir die Band richtiggehend aufgeschwatzt hat.

Lest hier die Besprechung von „No Place In Heaven: The Very Best Of The Noise Years 1984-1987“

Running Wild: Tolle Band! Rolf (Kasparek - Bandgründer, Sänger und Gitarrist - die Red.) hat es allen Nörglern in den Metal-Medien gezeigt. Die ersten Alben wurden alle mehr oder weniger zerrissen, das Piraten-Image belächelt. Aber die Fans mochten die Band. Er hat immer meine volle Unterstützung bekommen und der große Erfolg gab uns letztlich Recht. Die Lektion: Durchhalten, selbst bei starkem Gegenwind!

Lest hier die Besprechung von „Riding The Storm: The Very Best Of The Noise Years 1983-1995“

Tankard: Eine Band, die bei mir ambivalente Gefühle auslöste wegen der Idolisierung des Alk-Rausches. Ich trinke grundsätzlich nichts Alkoholisches, meine Frau ist mit 34 Jahren daran gestorben (Alkohol-Entzug, Kokain-Entzug, Alkohol-Entzug, Todescocktail). Als der Thrash-Boom losbrach, gab es wenige Bands in Deutschland, die man signen konnte. Sodom und Destruction landeten beim Steamhammer-Label und ich nahm Kreator und, nach verzweifelter Suche, Tankard unter Vertrag.

Lest hier die Besprechung von „Oldies & Goldies: The Very Best Of The Noise Years 1986-1995“

Grave Digger: Hatten einen sehr guten Start mit „Heavy Metal Breakdown“ (im Jahr 1984 - die Red.) und alle Zeichen standen auf Sturm. Aber dann konnte Chris (Boltendahl - Gründer und Sänger - die Red.) das Niveau nicht halten und erlebte mit dem selbstverschuldeten, unglücklichen Digger-Album (der Lonplayer „Stronger Than Ever“ erschien im Oktober 1986 unter dem verkürzten Bandnamen Digger - die Red.) einen Absturz. Ich habe solche Bands, die wegen der vorgeblichen besseren Erfolgschancen ihre Fans ignorieren und dann „kommerziell“ werden, nie verstanden. Im Metal funktioniert das nicht. Das ist Ausverkauf, und die Szene straft das rigoros ab. Berechtigterweise.

Lest hier die Besprechung von „Let Your Heads Roll: The Very Best Of The Noise Years 1984-1986“

Skyclad: Ein psychisch sehr instabiler, aber talentierter Sänger, der bei Problemen die Schuld immer bei anderen sucht. Ich mochte die Musik von Skyclad sehr. Es war damals visionär, Metal- und Folk-Elemente zu kombinieren und hat auch verkaufstechnisch gut funktioniert. Es war jedoch auch kein Überflieger. Aber Martin (Walkyier - Sänger und Gründer - die Red.) hat seine Finanzsituation nie richtig im Griff gehabt, auch wegen schlechten Managements. Aber natürlich ist immer das Label Schuld.

Lest hier die Besprechung von „A Bellyful Of Emptiness: The Very Best Of The Noise Years 1991–1995“

CDstarts: Nach welchen Kriterien wurden die Songs für die Best-ofs ausgesucht? Hatten die Bands evtl. ein Mitspracherecht?

Sorry, da war ich nicht involviert und kann ich nichts zu sagen.

CDstarts: Zwischen Noise Records und der Band Helloween sowie der englischen EMI gab es in den 90er Jahren einen Rechtsstreit wegen einer unzulässigen Vertragskündigung durch das Helloween-Management. Helloween gehören nun zu den acht Bands, von denen es eine „Noise lebt!“-Label-Compilation geben wird. Es ist allerdings die einzige der acht Compilations, in denen das Wort „Noise“ im Titel fehlt. Zufall oder Absicht?

Das ist merkwürdig. Da muss ich selber mal nachfragen bei BMG.

Das Interview führte für CDstarts.de

PS: Im Oktober dieses Jahres wird über den „Iron Pages“-Verlag das Buch „Damn The Machine“ erscheinen, in dem Karl-Ulrich Walterbach seine und die Geschichte von Noise Records im Detail erzählt. Ein deutscher Buchtitel steht zurzeit noch nicht fest.

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