Alan Wilder (Recoil)

  • 08.07.2007
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Alan Wilder (Recoil) - News
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Alan Wilder (Ex-Depeche Mode) informierte telefonisch über sein aktuelles Album und gab interessante Details aus seiner kreativen Arbeitsweise preis.

Ende Mai nahm sich Alan Wilder (Ex-Depeche Mode) Zeit, um telefonisch über sein aktuelles Album als Recoil zu informieren und interessante Details aus seiner kreativen Arbeitsweise zu offenbaren.

CDstarts.de: Du hast in regelmäßigen Abständen News zu Deinem neuen Album “subHuman” als Videos auf YouTube online gestellt. Benutzt Du MySpace oder YouTube und generell das Internet regelmäßig?

Seit kurzem beschäftige ich mich sehr intensiv mit MySpace, obwohl ich sagen muss, dass meine Seite dort von jemand anderem entworfen wurde. Die Sache mit YouTube wurde mir angeboten und so habe ich von zuhause die Videos aufgenommen und sie wurden sehr gut angenommen, wie man an der Vielzahl von Kommentaren sehen kann. Für jemanden wie mich ist es sehr wichtig, den Online-Markt so gut wie möglich auszunutzen, da mittlerweile so viele Menschen von überall das Netz besuchen. Auch der Handel im Internet nimmt eine wichtigere Position ein als noch vor Jahren, da im Vergleich dazu immer weniger Tonträger verkauft werden. Die Plattenfirmen machen sich darüber zwar sorgen, aber für einen Musiker ist das Internet eine wirklich tolle Sache, um seine Werke zu verbreiten. Privat nutze ich natürlich Dinge wie E-Mail und das Internet im Allgemeinen. Doch auch die Einkäufe erledige ich größtenteils vom Rechner aus, sogar das Essen ordere ich dort.

CDstarts.de: Erkundigst Du Dich dort auch nach neuen Bands?

Hmm, ich würde eine CD stets MP3´s vorziehen, da die Qualität noch nicht an die einer CD heranreicht. Aber sie werden immer besser und über iTunes stelle ich mir zum Beispiel auch Playlisten für zuhause zusammen.

CDstarts.de: Dein letztes Album „Liquid“ erschien 2000. Sieben Jahre sind für einen solch leidenschaftlichen Musiker wie Du es bist, eine lange Zeit. Wann kamen denn die ersten Ideen für das neue Werk?

Generell starte ich mit keinerlei bestimmten Ideen. Das Ende erkenne ich auch nur daran, dass ich denke, etwas vollbracht zu haben. (lacht) Ich habe Ende 2005 mit dem Arbeitsprozess begonnen und angefangen, die einzelnen Ideen zusammenzufügen. In den Jahren davor bin ich einfach ins Studio gefahren und habe für ein oder zwei Wochen recht spontan darauf los gearbeitet, doch es hat zu nichts geführt. Da merkte ich dann auch, dass ich eine Pause brauchte und dieses Mal bei „subHuman“ ist es fast wie von selbst passiert, auch wenn die ersten Monate immer noch die schwierigsten sind. Ich habe weder einen bestimmten Klang noch die Gast-Sänger/innen im Kopf, wenn ich mit dem kreativen Prozess starte. Dieses Mal ging es erst richtig los, als ich Joe Richardson (der den Großteil der Vocals für „subHuman“ übernahm; Anm. d. Red.) traf und von da nahm es Formen an.

CDstarts.de: Was sind für Dich die wichtigsten Schritte im Songwriting- und Aufnahme-Prozess eines Albums?

Den richtigen Sänger zu finden, ist sicher der wichtigste Schritt. Wenn ich nicht den passenden Sänger finden würde, wäre eine Platte unvollständig, da die Musik oftmals nicht ohne Gesang funktioniert. Ich möchte keine instrumentale Musik machen, da sie einfach die Sprache und die dazugehörigen Melodien benötigt. Von dem Zeitpunkt, wo ich einen Sänger finde, seine Stimme mich anspricht und er die Zusammenarbeit mit mir eingeht, werden die Pläne konkreter. Vorher ist es nicht einmal klar, ob es überhaupt ein neues Album geben wird. Als ich Joe traf, war ich von seiner dunklen, blues-lastigen Stimme fasziniert und darüber hinaus ist er musikalisch und von der Einstellung her sehr offen. Er konnte sich sehr gut auf den elektronischen Ausgangspunkt einlassen und wir waren mit den Aufnahmen in Texas tatsächlich innerhalb einer Woche fertig. Wenn ich daran denke, dass es Monate gedauert hat, bis alle Ideen im Vorfeld am Computer arrangiert waren, ist das wirklich klasse und ein Verdienst von Joe sowie Richard Lamm (Drums) und John Wolfe (Bass).

CDstarts.de: Wie können wir uns den Entstehungsprozess vorstellen? Eher als ein Puzzle oder als groß angelegten Masterplan?

Ich werde schlechter und schlechter, älter und langsamer. (lacht) Vor allem bin ich vorsichtiger geworden, aber es ist immer noch wie ein Puzzle, das sich aus verschiedenen Teilen zusammensetzt, die verstreut zu finden sind. Für mich ist es sehr schwierig, diese Teile zusammenzufügen, denn as bedeutet immer, sich festzulegen. Deshalb versuche ich, es bis zur letzten Minute offen zu gestalten, so dass ich immer noch neue Ideen, die plötzlich kommen, integrieren kann. Für lange Zeit herrscht das Chaos, doch am Ende ordnet es sich fast wie von allein.

CDstarts.de: Du hast als Recoil bereits mit vielen Gast-Vokalisten gearbeitet. Was macht für Dich den Reiz darin aus?

Es bringt eine zusätzliche Spannung in die Musik hinein, was ich sehr genieße. Du kennst es sicherlich auch: Wenn Du mit jemandem zum ersten Mal zusammen arbeitest, strengst Du Dich mehr an, um zu beeindrucken und investierst einfach mehr in die Sache. Ich mag diese Dynamik und den Hunger gerade von unbekannten Leuten, etwas Neues zu versuchen. Trotzdem sehe ich mich in der Musik eher als Direktor, der die Anteile von den anderen Leuten verarbeitet und am Ende den Prozess kontrollieren und lenken kann. Ich würde es mit einem Film-Regisseur vergleichen. Man will das Beste aus den Leuten herauszuholen, um möglichst viel davon auf Band zu haben und allein diese Dinge kombinieren. Die Gastmusiker und -sänger schreiben die Texte und Melodien selber, aber am Ende möchte ich entscheiden, wie ich es verarbeite. Das ist mir sehr wichtig und die meisten mögen hinterher das Ergebnis, zumindest sagen sie es.

CDstarts.de: Wo findest Du die richtigen Stimmen für Deine Vision von Musik?

Das kann sehr schwierig sein. Dieses Mal hatte ich Glück und keinerlei Schwierigkeiten, einen Typen wie Joe zu finden. Generell benutze ich das Internet für die Suche nach den geeigneten Partnern. Bei ihm habe ich Google genutzt und er war einer der ersten, die mir dabei über den Weg gelaufen sind. Es hat auch gleich alles gepasst, da er Lust darauf und viele Ideen hatte. Bei Carla Trevaskis, der Sängerin auf „subHuman“, verhielt es sich deutlich aufwändiger. Ich habe es auf demselben Weg versucht, aber ich habe keine Sängerin gefunden, die ich mochte. Es hat lange gedauert, doch irgendwann hat mir Mute Records Carla vorgeschlagen und schon war sie involviert.

CDstarts.de: Unter anderem reihen sich Douglas McCarthy, Nicole Blackman, Moby in die Riege Deiner musikalischen Partner ein. Welche Künstler würdest Du gern auf einem Recoil-Album hören?

Oh, das ist kaum zu beantworten. Da draußen sind so viele talentierte Leute, aber es gibt keinen bestimmten, der mir sofort einfällt. Wie ich sagte, mag ich es sehr, mit unbekannten Musikern zusammen zu arbeiten. Ich kann nicht mit übersättigten Leuten arbeiten, die man an jeder Ecke findet. Sie meinen, schon alles getan zu haben und sind neuen Ideen gegenüber meistens nicht sehr offen.

CDstarts.de: Deine Musik hat etwas Visionäres und faszinierende Klanglandschaften zu bieten. Hörst Du aktuelle Musik und wie siehst Du die heutige Electro-Szene?

Ich höre kaum aktuelle Musik und kann daher auch nicht die derzeitige Szene beurteilen. Radio höre ich nur, um Nachrichten und Cricket-News zu bekommen. (lacht) In England geben die Radio-Sender, genau wie das Musik-Fernsehen, kaum etwas her. Manchmal höre ich Klassik im Radio, das ist das einzige, was für mich dort in Frage kommt. Ich würde mich gern auf die Suche nach neuen Musikern begeben, doch dafür fehlt mir einfach die Zeit. Vielleicht bin ich auch einfach zu alt für neue Musik.

CDstarts.de: Im Presse-Text zu „subHuman“ wird Deine Frau als persönliche Assistentin beschrieben. Ist sie denn auch direkt mit der Musik beschäftigt?

Gelegentlich ist sie schon in meine Musik involviert, wenn wir zusammen Vocal-Parts heraussuchen und sie verschiedene Elemente kompiliert, was sie sehr gut macht. Doch ihre Hauptrolle liegt in der großen Unterstützung, die sie mir gibt. Sie arbeitet an der Website und beantwortet für mich einige Fan-Mails. Meine Frau ist auch während dieser Promotion-Tour an meiner Seite und tut Sachen, die ein persönlicher Assistent nicht unbedingt tun würde. Sie ist ja in der Tat auch mehr als eine Assistentin. Auf jeden Fall unterstützt sie mich, wo sie nur kann und ich schätze das sehr!

CDstarts.de: Die Deluxe-Edition erscheint mit einem Ambient-Mix des gesamten Albums. Wie kam es dazu und was macht diesen Mix mit Deinen Worten aus?

Zuerst haben wir aus dem Stereo- einen 5.1-Mix gemacht, der dem Stereo-Mix ähnlich ist. Als ich den Surround-Sound zum ersten Mal hörte und überprüft habe, achtete ich auf die hinteren Boxen und genoss die Erfahrung, nur die atmosphärischen Geräusche, den Nachhall, die Streicher und den Bass zu hören, dafür aber die Gitarren und Drums außen vor zu lassen. Es war toll, die härteren Elemente heraus zu filtern, einige Ambient-Loops zu addieren und daraus dann diesen Mix zu formen. Viele Fans haben immer gesagt, dass sie alle versteckten Sounds hören wollen und ich denke, sie werden diese detaillierte Umsetzung mögen.

CDstarts.de: Das war es soweit, Alan. Dank Dir vielmals für die Antworten und die Zeit, die Du Dir genommen hast.

Ich bedanke mich ebenfalls. Es war ein Vergnügen, mit Dir zu reden.

Das Interview führte Daniel Leckert

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