Billie Eilish - Happier Than Ever - Cover
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Billie Eilish Happier Than Ever


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 60 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7/10 Leserwertung Stimme ab!

Das zweite Album der 19-Jährigen erscheint zwar mitten im Sommerloch, zählt aber zu den wichtigsten Pop-Veröffentlichungen des Jahres.

Die großen Pop-Sensationen, so wie es sie in jedem Jahrzehnt gegeben hat, werden immer rarer. Das liegt nicht nur an der Musik und den Künstlern, die immer austauschbarer werden, sondern auch am Konsumverhalten der jungen Generation, die als Hauptzielgruppe zum größten Teil dafür „verantwortlich“ ist, ob jemand zum gefeierten Popstar aufsteigt. Denn wer nicht mehr dazu bereit ist, für Musik adäquat zu bezahlen und diese nur noch als Stream kennt, der legt auch generell eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tag, wenn es darum geht, einen Künstler zu verehren. Die Corona-Pandemie hat diesen Umstand in kürzester Zeit noch mehr befeuert, sodass dem einen oder anderen Hörer inzwischen das Gefühl beschleicht, dass Kunst und Musik nur noch digitaler Schrott sind, der auf Spotify, Instagram, YouTube und TikTok stattfindet.

Gerade für ältere Musikfreunde ist es kaum nachvollziehbar, wie gewisse Interpreten heutzutage aus dem Nichts zu Popstars werden können. Früher oder später wird eben jeder einsehen müssen, dass sich die gesamte Branche in einem Wandel befindet. Und es wäre kein Wunder, wenn die Plattenfirmen, wie wir sie heute kennen, am Ende zu den großen Verlierern zählen. Diese feiern die millionenfachen Streams und Downloads ab, von denen lediglich ein paar Cent bei den Künstlern ankommen und merken nicht, dass dieses Konzept nicht ewig gutgehen kann. Denn wozu brauchen Musiker heutzutage eigentlich noch Plattenfirmen, wenn der gesamte Verkauf über ein paar Internetportale abläuft? Es wird interessant zu beobachten sein, wie die Majors aus dieser Nummer herauskommen wollen, ohne selbst obsolet zu werden.

Aber egal. Bevor wir zu sehr abschweifen, befassen wir uns lieber mit „Happier Than Ever“, dem zweiten Longplayer von Billie Eilish (19), den Interscope Records mitten im Sommerloch veröffentlicht, obwohl die junge Amerikanerin nach ihrem 27 Millionen Mal verkauften Debüt „When We All Fall Asleep Where Do We Go?“ (03/2019) zu den fetten Umsatzbringern der Branche gehört. Die Antwort lautet: Weil es egal ist! Denn was früher unmöglich war, weil in den Sommerferien viel zu wenig Menschen den Weg in die Plattenläden (und auch in die Kinos) fanden, ist heute völlig normal, da Musik zu überwiegend digital erworben wird, ohne dass jemand das Haus zu verlassen braucht und damit unabhängig von Jahreszeiten und Aufenthaltsorten ist. Die Filmbranche mit ihren Kinopalästen steht vor einem ähnlichen Problem.

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Digital hin oder her. Die nächste bohrende Frage lautet: Wer braucht eigentlich noch ein altmodisches Vehikel namens „Album“, wenn, wie bei „Happier Than Ever“, bereits fünf Singles ausgekoppelt wurden und das physische Objekt keine ernsthafte Rolle mehr spielt? Auch hier wird sich der Markt bestimmt weiter anpassen. Doch bis es soweit ist, betrachten wir die 16 Tracks auf „Happier Than Ever“, das wiederum von Billies älterem Bruder Finneas Baird O'Connell (Selena Gomez, Camila Cabello, Ashe, John Legend) produziert wurde, als ein zusammenhängendes Kunstwerk des aktuell größten Phänomens der Popwelt an. Auf diesem singt Billie Eilish mit gerade einmal 19 über bewährte, ihrem jugendlichen Alter geschuldeten Themen wie Teenager-Ängste, Herzschmerz und ihr neues Popstar-Leben in einer Parallelwelt. Doch bei ihr kling dies anders, als es der Hörer gewohnt ist.

Billie Eilish‘ Teen-Pop anno 2021 klingt wesentlich düsterer und eindringlicher, als es ihre Altersgenossen praktizieren. Selbst die 16 Jahre ältere Kunstfigur Lana Del Rey wird damit übertroffen, wobei Billie Eilish‘ Musik deutlich weniger den gängigen Pop-Schemata frönt. Sie hat den Druck ihres Debüts auf „Happier Than Ever“ über weite Strecken herausgenommen und ihre Songs noch stärker minimalisiert. In der Regel dominieren elektronische Klänge („NDA“) und dezente Beats („Lost cause“), zu denen Billie Eilish mit flüsternder, leicht vernuschelter Stimme, so als hätte sie leicht einen sitzen, singt („Getting older“). Dadurch baut die 19-Jährige eine Stimmung auf, die dunkel und ungemütlich wie ein regnerischer Abend in den Häuserschluchten von New York auf den Hörer wirkt.

Das sorgt für Spannung, auch wenn der Longplayer strikt einem roten Faden folgt, der wenig Raum für Stilsprünge („I didn’t change my number“) und tanzbare Rhythmen zulässt („Goldwing“). Vielleicht ist „Happier Than Ever“ genau deshalb ein Werk, mit dem sich diesmal auch ein erwachsenes Publikum erreichen lässt, wenn mit „Halley’s comet“, „Your power“, „Male fantasy“ und dem Titelsong fast schon klassische Balladen mit Piano- und Gitarrentönen erklingen, die es leicht machen, den Kosmos der Billie Eilish zu ergründen.

Anspieltipps:

  • Overheated
  • Getting older
  • Halley’s comet
  • Therefore I am
  • Happier than ever
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